Der "Grosse Bruder" von nebenan
"Striche ziehen",  ein Doku-Film über weisse Striche und einen schwarzen Peter
 

Seit einigen Wochen hat ein Film nun seine Premiere gehabt, der unter dem Titel "Striche ziehen" die  Hintergründe einer Aktion an der Berliner Mauer zu dokumentieren beabsichtigt. Im November 1986 hatten fünf Westberliner Einwohner einen weissen Strich an die damals Berlin teilende Mauer aufgemalt, um damit zu symbolisieren, daß es sich bei dieser Betonvariante des Eisernen Vorhangs unter anderem auch um eine die Westberliner Bevölkerung ghettoisierende Grenze handelt, deren reale Auswirkung durch die an dieser Mauer zahlreich aufgemalten Bilder und Botschaften überdeckt und verharmlost wird.
Die Aktion sollte ursprünglich in einem damals geschätzten Zeitfenster von zwei Wochen stattfinden und den beabsichtigten weissen Strich entlang der gesamten Mauer, aber auch an jenen Grenzbereichen ziehen, an denen das Bauwerk unterbrochen ist (z.B. an Grenzübergangsstellen). Ausführliche bildliche Dokumentationen der Aktion waren dabei ebenso wenig geplant wie die Einbeziehung der massendemokratischen Medien-Öffentlichkeit.
Zusätzliches und sogar wesentliches Element des happening- und expeditionsartigen Projekts war ausserdem die Absicht gewesen, sich permanent, also auch dann in der Nähe der Berliner Mauer aufzuhalten, wenn die Tätigkeit des Stricheziehens pausierte. Dies schloss ein Übernachten in Mauernähe ein, was durch Zelten in mauernahen Grünbereichen geschehen sollte. Absicht  dieses Permanenz-Vorhabens war es, die Berliner Mauer als totalitäres Bauwerk auch körperlich total(-itär) zu erleben, ohne den Ausweg einer abendlichen Rückkehr in die Westberliner Innenstadt. Ein solcher allabendlicher Nachhausegang hätte die Aktion letztlich bloss zu einem Job oder  Teilzeit-Abenteuer gemacht, statt sie als rückzugslose Totalerfahrung zu erleben. Bizarrerweise erreichte diese angestrebte Totalerfahrung für einen der Beteiligten durch dessen am zweiten Aktionstag erfolgten grenzpolizeilichen Abstransport nach Ostberlin ein kaum noch zu steigerndes Maß.
Durch die  Inhaftierung eines der Akteure unweit des Brandenburger Tores wurde die Aktion bereits am 2.Tag abgebrochen und erhielt nun aufgrund des dramatischen Ausgangs öffentliche Aufmerksamkeit, die nach der Verurteiltung des Inhaftierten Anfang Januar 1987 zu 20 Monaten Haft schliesslich ihr Ende fand.

Ein Vierteljahrhundert später wurden die damaligen Ereignisse in einem Buch thematisiert. Gerd Kroske, Produzent des Films"Striche ziehen" war durch dieses Buch auf das darin thematisierte Geschehen aufmerksam geworden und hatte daraufhin beschlossen, darüber einen dokumentarischen Film zu drehen, der nun seit Frühjahr 2015 in diversen Kinos zu sehen ist.
 

Doch bereits die vorab im Internet kursierenenden Thrailer wie auch die Ausschnitte in Beiträgen des ARD-Kulturmagazins "Titel Thesen Temperamente" lassen erahnen, daß der Film nicht gerade zu den Sternstunden des Dokumentarfilms gehört. Dokumentiert wird -unbeabsichtigterweise -  vor allem die Diskrepanz der vermeintlichen Idealistik von damals zu der heutigen Verfassung einiger der Protagonisten, die nicht nur erwachsen geworden, sondern offenbar auch mental rasant in die Jahre gekommen sind.
Bestes Beispiel für diese Diskrepanz ist die Aussage eines der damaligen Akteure (Frank Willmann), in welcher er sich amüsiert darüber befremdet zeigt, daß er damals auch ohne finanziellen Anreiz politisch, künstlerisch tätig gewesen ist. Politisches Engagement schön und gut, aber ohne Honorarvertrag macht Willmann offenbar keinen Finger mehr krumm und wundert sich inzwischen, daß es früher für ihn selbstverständlich war, sich auch ohne Geldzuschüsse für etwas zu engagieren. "Keine Demo ohne Cash" könnte man eine solche Position verkürzt formulieren. Eine Haltung, die politische Aktivisten und künstlerisch motivierte Freigeister nicht nur befremden, sondern geradezu abstoßen dürfte, obwohl man iletztlich sogar dankbar sein kann für soviel Eindeutigkeit in der Aussage.

Abgelöst werden solche Statetments von peinlichen Inszenierungen wie das -zwischen Vergeltungs- und Selbsttheapiegeste- angesiedelte Fäusteschlagen auf eine Vernehmerzimmerür des Ministeriums für Staatssicherheit. Ein Gestus, der Hass und therapieaffine Befreiung zugleich symbolisieren soll und der dabei in seiner plump inszenierten Symbolik einfach beschämend wirkt ( ganz abgesehen davon, daß der Hauptdarsteller dieser Inszenierung, Frank Willmann, von der Staatssicherheit nie behelligt oder gar verfolgt wurde).
Auch ist der Film nicht etwa - wie man dem Titel nach eigentlich annehmen könnte-  zentriert um jene Aktion und ihr über realpolitische Deutungen hinausgehendes Interpretationspotenzial der Zeit-und Raumgefühle des Westberlin der 80er Jahre, sondern focussiert,  sich nach einer subkulturell angewärmten Milieustudie (alle Beteiligten der Strich-Aktion kamen aus einer Alternativszene im Weimar der späten DDR-Jahre) offenbar zunehmend auf den medial inszenierten Konflikt der Brüder Onisseit, von denen in den frühen 80er Jahren, als beide noch in Weimar lebten, der eine - der ältere- den anderen verraten und damit für 5 Monate in die MfS-Untersuchungshaft  gebracht haben soll, dies aber so nicht zugeben möchte und deshalb nahezu bis zur Erschöpfung der Fragestellung zu einer Art Geständnis bewegt werden soll. Was schliesslich und logischerweise scheitert.
Vor allem deshalb scheitert, weil bereits die entsprechenden Protokolle des MfS belegen, dass Jürgen Onisseit offenbar gar kein Täterwissen hatte sondern -  um die  Verdachts-Focussierung der Untersuchungsbehörden auf seine Punkband-Mitglieder abzuwenden- als mögliche Täter einer nächtlichen Parolen-Sprüherei einige Personen mutmasste, unter denen sich eben auch eine befand, die gar nicht zu den Tätern gehörte. Doch Wut, Enttäuschung und nicht zuletzt  mediale Verwerbtarkeit triumphieren letztlich über die altehrwürdige Selbstverständlichkeit, daß man nur verraten kann, was man weiss und wo kein Wissen ist, sondern nur Wähnen, es auch keinen Verrat gibt. Wobei natürlich auch eine Mutmassung, zumal, wenn sie von einem als Szene-Kenner eingeschätzten MS-Informanten kommt, die Behörden auf Fährten führen kann, die dann erfolgreich sein können, oder eben auch, wie bei J.Onisseit in einem anderen Fall, sich als falsche Spuren erweisen können.
Wenn die Protokolle den eindeutig Verrat bezeugen, wozu  drängt und drückt man dann derart auf geständige Aussagen. Und wenn ein Geständnis ausbleibt, da angesichts der Sachlage ausbleiben muss, wie könnte die Möglichkeit der Reue dann überhaupt gedacht werden. Wer die entsprechenden Protokolle gelesen  und dann den Film gesehen hat, neigt zu der Annahme, daß dem in den Protokollen nicht herauslesbaren Mitwisser-Verrat nun durch Jürgen Onisseits Geständnis nachgeholfen werden soll und das auf eine äusserst befremdliche Art der öffentlichen Inszenierung. Als wäre ein derart sensibles Thema zwischen zwei Geschwistern mit der draufgehaltenen Kamera aufzulösen und nicht zuallererst und letztlich eimzigmöglich durch ein privates persönliches Gespräch.

Aber ein solches "gefühlsperverses" Vorgehen passt letztlich ins Bild einer Umgestaltung der Vergangenheit durch die Ansprüche der Gegenwart. Bereits im Vorfeld der Dreharbeiten wurde eine (im Westberliner 80er Jahre Underground stattgefundene) Performance-Aktion einiger der Mauerstrich-Akteure sich von DDR-Haft therapierende Motivationen hineininterpreteiert, nur um gewünschte Kontinuitäten zu erzeugen. Ein dem geistigen Totalitarismus vieler Aufarbeiter adäquates, aber vor allem besonders schädliches Unternehmen, rührt es doch an die individuelle Freiheit selbst, welche zugunsten einer eindimensionalen Geschichtschreibung einfach ausgelöscht wird, nur weil man angesichts der hier offenbar als bedrohlich empfundenen Sinn-Leere der Freiheit so Sinn und Kontinuität erzeugt, an denen man sich dann -dieser Leere entkommend- festhalten kann.
So kehrt die Stasi doch noch zurück, diesmal im Gewande eines  nicht geringen Teiles der Aufarbeiterschaft, die nur noch ein einziges  Ursachen- und Folgenschema kennen.
Es handelt sich dabei nicht bloß um "Stasifizierungen" bestimmter Ereignisse, Motivationen und Konstellationen, sondern ganz allgemein um die "DDRisierung" von allem und jedem, der dort irgendwann mal lebte, seien es Art der künstlerischen Tätigkeiten, emotionale Befindlichkeiten, psychische Sachverhalte, Art der Partnerwahl, ja sogar die Häufigkeit von Erkältungskrankheiten hat offenbar letztlich seine Ursachen in der DDR-Vergangenheit. Und selbstverständlich gibt es in einem solchen ostalgieähnlichen Kosmos von jedem Phänomen auch eine DDR-Version, seien es z.B. Erscheinungen wie der Hippie, Punk, Philosoph, Indianer, Christ, sonstirgendetwas, selbst von  Jimi Hendrix oder Buddha gibt es eine mit entsprechenden ostdeutsch-emotionalen Projektionen besetzte  DDR-Ausgabe. Der vom realsozialistischen System notorisch vereitelte Universalismus setzt sich hier in dieser postsozialistischen Aufarbeiterkultur fort.
 

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Vom Verrat

Jürgen Onisseit  hat durch seine mutmassenden Aussagen mit dazu beigetragen, daß das Ministerium  für Staatssicherheit im Herbst 1983 den Fall nächtlicher Parolensprühereien, an dern sein Bruder Thomas beteiligt war, letzlich aufgeklärt hat. Doch der aufmerksame  Zuschauer wird zu ganz anderen  Fragen angeregt: Wenn Thomas Onisseit das Weimarer Cafe "Resi" als einen "Szenetreffpunkt" beschreibt, in welchem man davon ausgehen konnte, daß dort niemand für den Überwachungsapparat spitzelt und er deshalb an diesem Ort keine Geheimnisse hatte so ist das zum einen reichlich naiv, zum anderen sehr widersprüchlich. Einerseits war unter DDR-Oppositionellen einhellig Tenor, daß man es beim DDR-System mit einen totalitären Überwachungsstaat zu tun hatte, andererseits war diese Übertwachung offenbar dann doch nicht totalitär genug, um einen als negativ-feindlichen, subkulturell bekannten Ort, wie es das Cafe "Resi" gewesen ist, nicht zu observieren und mit Spionen zu durchsetzen.
Die Widerstandskämpfer der nationalsozialistischen Herrschaftsära agierten da weniger paradox, um nicht zu sagen weniger falsch. Sie sprachen in öffentlichen und schon gar nicht in der Macht suspekt erscheinenden Orten niemals von ihren sanktionierbaren Vorhaben und Taten und verboten sich in verantwortungsvoller Weise, Freunde, Verwandte, Widerständler mit der Weitergabe von Täterwissen zu belasten.

Der eigentliche Garant für Widersprüche und hochgradige Peinlichkeit in diesem Strichezieher-Film ist vor allem Frank Willmann, der als Mitakteuer der damaligen Weissen-Strich-Aktion 2011 ein Buch dazu herausgegeben hatte. In jenem Buch hat Willmann einfach wesentliche Dokumente weggelassen oder falsch benannt, von denen nun in Kroskes Film immerhin eines auftaucht, jedoch ohne den Hinweis darauf, daß dieses zunächst von Willmann wegzensiert wurde. Mit einem solchen Hinweis hätte man dann auch den Grund für Wolfram Haschs Nichtteilnahme an dem Film-Projekt öffentlich nennen können, verschwieg es aber, sodaß Mutmassungen Tür und Tor geöffnet waren: Hasch sei vielleicht IM gewesen, oder er sei zu traumatisiert, um sich dieser Vergangenheit via öffentlich gemachten Erinnerungen nochmals auszusetzen. Kroske selbst beteiligte sich noch an solchen den tatsächlichen Grund neutralisierenden Begründungen, obwohl er es durch den kutzzeitigen Kontakt mit Hasch längst besser wusste. Im Umgang mit Haschs Dreh-Boykott erwiesen sich einige Personen im übrigen als würdige Nachfolger einer abweichendes Verhalten diskriminierenden Psychologie des Totalitarismus. Allen voran hier wieder F.Willmann, der Hasch als "irre" und seit seiner Inhaftierung in einer allein ihm verständlichen Welt lebend charakterisiert und, man hat es angesichts des Hangs zur totalen Stasifizierung & DDRisierung schon geahnt, den Beginn dieses von ihm konstatierten "Krankheitsbildes" in Haschs Haft 1986/1987 findet. So schustert sich der "DDRist", sei er nun wie Willmann dafür subventioniert oder nicht, seine armselig  eingeengten, aber griffig sinnstiftenden Kontinuitäten.
Ähnlich wie im Fall Jürgen Onisseit, wo Willmann die Lebensgegenwart des Onisseit ignoriert und das, was er davon überhaupt mitbekommt, nach seinen eingeschränkten Maßstäben berurteilt, um ihm ein Verschimmeln in der Einöde zu bescheinigen ignoriert Willmann diesmal Haschs Leben seit seiner Haftentlassung, von dem er wenig mitbekommen hat..Und macht sich zudem auch noch unglaubwürdig angesichts dessen, daß Hasch mit einem für Willmanns Buch "Der weisse Strich" verfassten Text, in welchem er dem Leser die damaligen Erlebnisse nachvollziehbar beschreibt, nicht gerade den Eindruck eines nur noch sich selbst verstehender Menschen macht.
 
 
 

Der "Sprung ins Milieu"

Die  Thematisierung des Weimarer Subkuklturmilieus der 80er Jahre gelingt Kroske wie schon vorher Willmann in seinem Buch
durch eine einfache Unterlassung. Statt zu vergewärtigen, daß  potenzielle Mitstreiter für die Strich-Aktion damals sowohl unter West- als auch Ostdeutschen -und dies jeweils wiederum aus verschiedenen Herkunftsstädten- gesucht wurden, die letzliche Zusammensetzung aus 5 Ex-Weimarern dann aber vor allem dadurch zustande kam, daß diese von denjenigen, die  überhaupt zu einem solchen 2wöchigen Aufwand motiviert waren, als Schüler an der Westberliner "Schule für Erwachsenenbildung" im anvisierten zweiwöchigen Aktionszeitraum Schulferien  und ergo die notwendige Zeit hatten. Ob die fünf auch (mehr oder weniger) gut befreundet waren und sich aus der ostdeutschen Vergangenheit kannten spielt dabei keine Rolle, denn die mündliche Einladung zur Mitwirkung ging grösstenteils ohnehin an Freunde, sei es aus Kassel, Ostberlin oder sonstwoher. Wichtig dabei ist gar nicht, wieviel jeweils aus Ost und West, Weimar und anderen Städten eingeladen wurden, sondern das bereits die Einladung derer, die nicht aus der ehemaligen DDR und, in concreto, aus Weimar kamen, der Geschichte eine völlig andere Perspektive und der damaligen Motivlage viel angemessenere Ausdeutungsmöglichkeit gibt.
Stattdessen wird diese einfach eingestampft zugunsten einer  Zwangsfocussierung auf die Subkultur von Weimar, von wo aus sich dann ganz griffig allerlei biographisch-politische Kontinuitäten anbieten, die ohne diese Focussierung allenfalls ein würdiger Aspekt und nicht Ursache schlechthin gewesen wären. Kein  Wunder, daß der weisse Strich schliesslich zum "Schlusstrich unter die DDR-Vergangenheit" degeneriert, eine Interpretation, die es damals vor und während der Aktion für ihn nie gegeben hatte. Dabei hätte eine uneingeschränktere Perspektive soviel Stoff geben können für die Thematisierung der Lebenssituation im damaligen Westberlin, dieser im Paradoxon existierenden Insel aus Exotismus und Depression. subventionierter Freiheit und stadträumlicher Einmauerung, Wehrdienstbefreiung und (im globalen Konfliktfall zuallererst bedrohter) Frontstadt mitten im Feindesland. Aber auch Aspekte von städtischen Raum-Virtualisierungstechniken und der Re-Realsierung von kaschierten Realitäten hätten thematisiert werden können und das auf eine angenehm unakademische und jedem zugängliche Weise.
 

Das zensierte Dokument

Bei dem von Willmann unterschlagenen Dokument handelt es sich um die zu Beginn der Strich-Aktion von Jürgen Onisseit an die Berliner Mauer angebrachte Information darüber, weshalb dieser Strich gezogen wird. Willmann fand ihn mal eben "zu prollig"  und nahm ihn deshalb nicht ins Buch auf, obwohl es sich gerade für ein ausschliesslich diese Aktion thematisierendes Buch um ein wichtiges Dokument handelt. Enttäuschend, daß Leute, die sich als einstmalige Demokratiestreiter verstehen und präsentieren derart zensorisch vorgehen und auch in anderen Bereichen als echte Meister der alten Zensur-Schule entpuppen, was folgendes Beispiel zeigt:.

Jürgen Onisseit hatte bereits kurz nach Bekanntwerden seiner MfS-Kontakte  2010 auf Frank Willmanns Anfrage erklärt, warum er damals dem Ministerium der Staatssicherheit eine Einwilligung in unter Testlauf geführte informelle Mitarbeit unterschrieben hat. Mangels finanzieller Mittel etwas Geld für Heizmittel zu erhalten sei der Grund gewesen, was -tatrelativierend- ein bischen nach exsitentieller Notsituation klingen soll, aber vielleicht tatsächlich zum Zeitpunkt der Einwilligung Realität gewesen ist. Er  habe das Vertragsangebot des MfS auch deshalb angenommen, weil er -seine Kontrollmöglichkeiten völlig überschätzend- glaubte, Inhalt und Maß der Informationsweitergabe an dieses Ministerium selbst bestimmen zu können.
Er hatte seine Gründe also längst erklärt.

Drei  Jahre nach dieser Motiverklärung nun also medientauglich zu verlautbaren -wie es F.Willmann in dem Film tut- man wolle ihn ja nicht vor ein Tribunal zerren, sondern nur wissen, warum er sich hat anwerben lassen, aber wenn er es nicht sage, solle er eben in seiner Einöde verschimmeln, ist  nicht nur ein verbaler Totalausfall, sondern vor allem Lüge. Eine, die aber auch noch Anmassung und Realiätsverzerrung mit sich führt. Die Anmassung besteht darin: Nicht nur Frank Willmann, auch viele andere frühere Freunde von Jürgen Onisseit hatten mit ihm nichts mehr zu tun, weil man bereits 1987/88 ganz unterschiedliche Wege gegangen ist. Nun also über 25 Jahre später dem anderen  völlige Vereinsamung zu attestieren, nur weil er wegen seiner angeblich mangelden Erklärungswilligkeit nun von seinen alten Freunden gemieden würde ist nichts weiter als bewusste Realitätsverzerrung bei gleichzeitiger diskriminierender Ignoranz seiner jahrelangen Lebensgefährtin und aktueller sozialer Kontakte. Vor allem aber handelt es sich um armselig  ins Leere gehende offensichtliche  Schadenfreude. Armselig deshalb, weil sie in ihrem Werte-autismus nicht sieht, daß  gar kein Schaden, sondern dessen Gegenteil besteht: ein mit der Lebensgefährtin schon vor vielen Jahren angestrebtes Leben in Naturumgebung bei gleichzeitig häufigen Ausflügen zu Freunden und Verwandten in die alten Heimatstädte und darüber hinaus. Ob man einem ehemaligen Zuträger der Staatssicherheit das gönnt oder nicht, man muß es, wenn man sich schon zu Urteilen veranlasst sieht, zumindest zur Kenntnis nehmen.
Aber die Propaganda -und um nichts anderes handelt es sich in all diesen Proportionierungen und Urteilen- folgt nur ihrer populistischen Absicht, die sie auch entgegen des Ereignisverlaufs durchzusetzen gewillt ist. Und so überhört sie das, was ihren Fragen geantwortet wird. Weil sie es in Wirklichkeit gar nicht wirklich hören wollte, sondern - aller inszenierten Offenheit zum Trotz- von vornherein nur ihrer eigenen Absicht zuhörte.
 
 

Wolfram Hasch