" Vergesst mich. "

 

Nicht wenige der in den späten 80er Jahren entstehenden House- und Technoproduktionen wären ohne die musikalischen Spuren, die eine Reihe von Elektronik-Musikern etwa ein Jahrzehnt zuvor hinterlassen hatten, so nicht entstanden. 
Verkürzte und immer wiederholte Textbotschaften ( Message-Loops), minimalistische Beatrhytmen, Synthesizerloops, die ohne große Umwege das Körpergefühl einer Generation zum Sprechen brachten, die auf langen Text in jeder Hinsicht verzichten wollte. 
Spuren solcher Art hinterließ zweifellos auch der als “Stakkato-Maschinen-Punk” beschriebene Sound des am 23.10. 2004 in Berlin im Alter von nur 47 Jahren verstorbenen Chrislo Haas. Noch zwei Tage vor seinem Tod war Haas in eine Schlägerei verwickelt gewesen. Im Zusammenhang mit seinem durch ( zuletzt kontinuierlich) exzessiven Alkoholkonsum vermutlich stark geschwächten Herzen ist es nicht unwahrscheinlich, daß dieses daraufhin versagt hat. 
Mit Haas starb ein Urgestein der Ende der 70er Jahre entstandenen Generation von deutschen Künstlern, bei denen der zeitgleiche Übergang von experimenteller Kunst zu neuen musikalischen Strukturen ausgesprochen fließend verlief. 

Haas I: Performance , Kunst, Provokation - Das Projekt MINUS DELTA T 

Im Jahre 1978 gehörte Haas, der von 1974-1978 Musik und darstellende Kunst studiert hatte, neben Karel Dudesek und Maik Hentz zu den Gründungsmitgliedern der deutschen Performancekunst-Formation MINUS DELTA T. Einer Gruppe, die Ende der 70er bis etwa Mitte der achziger Jahre mit verschiedenen Aktionen die Kunstöffentlichkeit provozierte und z.B. auf Ausstellungen wie der Kasseler "Documenta" durch sabotageähnliche Inszenierungen für  Irritation und Empörung sorgte. Darüber hinaus realisierten M.D. T aber auch Projekte, die eher Forschungsreisen in ihnen bisher wenig bekannte (Kunst-)Regionen glichen, in denen sie nicht nur Neues erkundeten, sondern auch ihre kulturellen Vorstellungen und Werte vermittelten. 
"Kunst und Feldforschung" bezeichneten Minus Delta T eines ihrer bekanntesten künstlerischen Expeditionen, das sogenannte "Bangkok-Projekt"(1981), bei dem ein Stein von Europa nach Asien transportiert und dort durch neun verschiedene Länder gefahren wurde. "Der Transport macht den Stein zur Skulptur" erklärten M.D. T, doch der Sinn ihrer Tour bestand weniger in einer künstlerisch-symbolischen Verwandlungsgeste als darin, Asien die europäischen Werte näherzubringen, während man umgekehrt viele asiatische Länder und deren künstlerische Möglichkeiten kennenlernte. 
Die Performances von MINUS DELTA T war dem symbolbeladenen, häufig kunstmystisch oder philosophisch erklärten Raum-Aktionismus mancher seit Ende der sechziger Jahre agierender Aktions-Künstler ziemlich verwandt. Aber im Gegensatz zu jenen führten MINUS DELTA T manchmal  noch das Element der Ironie in ihre Aktionen mit ein. 
Zwei Jahre nach Gründung verließ Chrislo Haas die Gruppe MINUS DELTA T, zu der inzwischen Bogumil Gernot und später Bernhard Müller hinzugekommen waren. In dem im Berliner Merve-Verlag herausgegebenen Buch "Minus Delta T Plus" taucht eine Biographie von Chrislo Haas unter den dort aufgeführten Kurz-Biographien der M.D. T-Künstler bereits nicht mehr auf. 
 

Haas II: Musik, Provokation, Elektronik - Die musikalischen Projekte 
 

                                                    Part one:  D.A.F. 
 

Bereits während seiner Zeit bei MINUS DELTA T war der bis dato bandlose Saxophonist Haas zur Musikgruppe "Deutsch Amerikanische Freundschaft" gestoßen, wenn er dort auch zunächst bloß sporadisch mitwirkte, da D.A.F. sich trotz eines inzwischen bereits hervorgetretenen Band-Kerns in den ersten Monaten des Jahres 1979 noch in der Formierungsphase befand, deren personale Besetzung innerhalb eines sechs Musiker umfassenden Kreises an "Involvierten" noch personellen Fluktuationen unterworfen war. Ein Beispiel, wie sich diese häufigen Bandbesetzungs-Wechsel auf den Stil der damaligen Musik von D.A.F. auswirkten ist das 1979 veröffentlichte Album " Ein Produkt der Deutsch Amerikanischen Freundschaft", dessen musikalische Intention in sehr geringer Affinität zu den späteren D.A.F.-Alben steht. 
1979 gingen D.A.F. als erster deutscher Elektro-Punk-Act nach England, um mit der zu dieser Zeit aus Sänger Gabriel Delgado, Schlagzeuger Robert Görl, Bassist Michael Kemner, Gitarrist Wolfgang Spelmanns und Syntheshizerpart Chrislo Haas bestehenden Besetzung auf dem Label Mute-Records D.A.F.s zweite LP "Die Kleinen und die Bösen" einzuspielen. 
Nach der Realisierung der Idee Robert Görls, zwei Päärchen aus je einem Korg-MS20-Synthesizer und einem SQ10- Sequenzer zu erwerben, vermittelte Robert Görl seinem Freund Chrislo Haas ( mit dem er 1976 bis 1978 in Graz Musik studiert hatte ) die elektronische Richtung , um bei D.A.F. endgültig einsteigen zu können. 
Daraufhin löste Haas 1979 den bisherigen, beim ersten und zu den legendären Gigs zählenden D.A.F.-Auftritt im "Ratinger Hof" (1978) mitwirkenden Keyboarder Kurt Dahlke ab , mit dessen musikalischen, dem Jazz-Genre verhafteten Einflüssen Robert Görl und Gabriel Delgado nicht mehr einverstanden waren. 
In der Anfangsphase seiner Zugehörigkeit zu D.A.F. wirkte Chrislo Haas bei einigen Live-Konzerten der Gruppe mit. Anfang der achziger Jahre trennten sich Sänger G. Delgado und Schlagzeuger R. Görl von den anderen Gruppenmitgliedern ( W.Spelmanns, M.Kemner, C.Haas ), um ihren im Verlaufe der bisherigen Bandzeit herauskristallisierten, von dem der übrigen Bandmitglieder immer mehr differierenden, aber zur Konzentration drängenden musikalischen Stil konsequent weiter zu verfolgen. Zudem hatte eine Musik wie die der D.A.F. mit Kunstvorstellungen, wie sie Haas bei MINUS DELTA T kennengelernt und in Performances umgesetzt hatte, kaum etwas zu tun. M. D. T beabsichtigten häufig, mit bestimmten Aktionen -wie beispielsweise dem massenweisen Ausschütten frischer Tierinnereien- das Publikum in Scharen wieder vor die Tür zu treiben. 
Unerwähnt bleiben sollte an dieser Stelle nicht, daß bei Haas der Grund des Ausscheidens weniger genereller musikalischer Natur gewesen ist als bei den anderen Bandmitgliedern, sondern weil Haas in seiner Schlußphase bei D.A.F. sowohl Live-Konzerte als auch Plattenproduktionen generell negierte und sich auf die von R.Görl/G.Delgado präzisierte, inzwischen eindeutig gewordene Richtung nicht festlegen wollte. 

                                                  Part two: LIAISONS DANGEREUSES 
 

Entgegen seiner bisherigen Auffassungen hatte Haas seine ablehnende Haltung gegenüber musikalischen Veröffentlichungen offensichtlich schon bald nach dem Ausscheiden bei D.A.F. wieder aufgegeben, nachdem er sich durch diese Haltung plötzlich in der Isolation wiederfand. Innerhalb der Selbstverständlichkeit, mit der er inzwischen als festes Mitglied von D.A.F. galt und sich natürlich auch als ein solches verstand, hatte es keine grösseren Folgen, sehr negative Positionen einzunehmen, doch nach dem Ausscheiden bei D.A.F. fehlte Haas ganz offensichtlich der andere Pol dieser seltsamen Dialektik. Seine außerdem sehr wechselhafte Art im Umgang mit den von ihm - nicht selten zum Definitiven erklärten -  häufig geänderten Auffassungen, die bei einem Projekt, wie es D.A.F. inzwischen geworden war, sich nicht mehr bloß im Rahmen eines nach außen hin folgenlosen, günstigenfalls künstlerisch ausdrückbaren Stimmungs-Affekts bewegten, führte dazu, daß er kurze Zeit nach dem Ausscheiden bei D.A.F. ins Gegenteil umschwenkte: Nachdem seine alte Band gerade das Erfolgsalbum "Alles ist gut" veröffentlicht hatte, gründete er Monate später mit dem französischen Sänger Krishna Goinau und seiner -mit Haas seit 1980 unter dem Namen “CHBB” zusammen musizierenden- Freundin Beate Bartel 1981 die Gruppe -LIAISONS DANGEREUSES, und deren musikalische Richtung darauf schließen ließ, daß Haas zumindest für die Länge einer Vinylplatte einen Stil generiert hatte, mit dem ein Publikum zu erreichen und auf den sich als längerfristiges Gesamtkonzept festzulegen er zuvor bei D.A.F. so vehement abgelehnt hatte. 
Entgegen kam Haas in dieser Phase die Tatsache, daß Mute-Labelchef Daniel Miller nach dem - unverklärt popularitätsmotivierten- Wechsel seines liebsten "Babys" D.A.F. zum Majorlabel "Virgin" versucht war, seine Enttäuschung durch die Entdeckung neuer, musikalisch für ihn interessanter Veröffentlichungspartner vergessen zu machen. In Chrislo Haas fand er zu dieser Zeit nicht nur einen Musiker, sondern zugleich einen emotionalen Verbündeten, der auf D.AF. nicht minder schlecht zu sprechen war als er selbst. 
Zusammen mit dem von Miller und dem Musikproduzenten Connie Plank unterstützten Bandprojekt LIAISONS DANGEREUSES produzierte Haas 1981 die 12Inch  "Los Ninos del Parque.” Eine Single, über die die Meinungen nicht geteilter sein konnten. Während Robert Görl  "Los Ninos del Parque” als eine schlechte DAF-Kopie bezeichnete, schrieb die Musikzeitschrift Spex darüber: " Neben New Orders ´Blue Monday´ vielleicht eine der wichtigsten 12inches dieses Jahrzehnts, an deren genuiner Beat - und Sequenzstruktur sich noch viele Jahre später Techno- und Houseproduzenten bedienen und abarbeiten sollten." 
In dieser Zeit traten LIAISONS DANGEREUSES - die sich zwischenzeitlich auch “CHBB” nannten und im Grunde erst durch den Tod von Chrislo Haas aufgelöst wurden- mehrmals live auf und wurden dabei u.a. von Gastsängern wie Anita Lane begleitet. Dabei spielte Chrislo Haas Synthesizer, während Beate Bartel einen mit Effekten versehenen 4-Spur Kassettenrecorder bediente. Die Parallele zu den DAF-Tape-Playbacks ist hier bloß der Tatsache zu verdanken, daß es damals sehr schwer möglich war, einen bestimmten, für ein Stück entwickelten Synthesizersound originalitätsgetreu zu reproduzieren, sodaß es im Gefolge dieser technischen Unmöglichkeit einige Bands gab, die, nachdem der Bann des Playback-Tabus gebrochen war, seit Ende der 70er Jahre live oder/und im Studio mit Kasetten-Tapes als zusätzlicher Soundquelle arbeiteten. Einige der in dieser Weise agierenden Bands kultivierten dieses Verfahren daraufhin zu einer Art "performativem" Stil , der sehr gut zur damals einsetzenden Absage an herkömmliche Band-Auftritts-Normen passte. Wer letztlich das Patent auf diese neue Live-Form hat, läßt sich im Wirrwar des damaligen elektronischen Aufbruchs schwer ermitteln und ist eigentlich auch nicht von Bedeutung. Für D.A.F. läßt sich zumindest feststellen, daß sie das Einlegen von  Sythesizer-Playback-Tapes zu Gesten elektronischer Magie stilisierten, während Bands wie Throbbing Gristle mit öffentlichen Tape&Tonband-Anwendungen eher psychologische Decodierung zelebrierten. 

Zu weiteren Veröffentlichungen größeren Stils kam es nach der Single “"Los Ninos del Parque ” nicht, dafür gab es mit den unter “Chbb” 1981-1982 als Privat-Release verbreiteten vier Tapekasetten " innerhalb deutscher Soundprovenienz nahezu konkurrenzlos innovative Musik zwischen Throbbing Gristle, Suicide und dem üblichen Minimalkram.”( S.Schwanke, Ironflame.de). 

Chrislo Haas und Beate Bartel blieben ihrer ablehnenden Haltung gegenüber festen "Liedern" treu und entwickelten lieber eine Vielzahl  neuer Tracks und Sequenzen, statt - wie es für bestimmten Songs verpflichtete Musikgruppen unumgänglich ist - einen bereits bestehenden Track in der Arbeit an seiner möglichst optimalen Reproduzierbarkeit permanent zu wiederholen. Denn "die Grundstruktur hat uns gelangweilt, man wird so zum Sklaven seiner Musik. Das wollten wir nicht. Das ging soweit, das für uns nicht einmal mehr Aufnahmen interessant waren, sondern nur noch der musikalische Prozess. Und diesen Weg ging Chrislo sehr konsequent." ( Beate Bartel ). 
Erst in den späten 80ger Jahren meldete sich Haas auch im breiteren öffentlichen Musikgeschehen zurück und trat zusammen mit der Band CRIME AND THE CITY SOLUTION auf. 
 

Haas III: " Vergesst mich! " ( Ein kleines Resümee über einen alten Haasen ) 

Chrislo Haas war ein Perfektionist und das nicht einmal so sehr in bezug auf die künstlerisch-technische Vollkommenheit eines Produkts, sondern auf dessen “spirituell” verborgene, explosive Kräfte. Ob er für die Einlösung eines solch hohen Anspruchs oftmals das dafür nötige Gespür und darüber hinaus die - für Haas wohl  eher unwichtige - manchmal entscheidende Gunst zeitlich bedingter Zufälle auf seiner Seite hatte oder ob er, sobald sein Anspruch unerfüllt blieb lieber auf den zweiten Wagen eines Zuges aufsprang, der sich sowieso schon in voller Fahrt befand läßt sich schon deshalb nicht klären, weil an der Anzahl der Projekte, an denen Haas beteiligt war eine solche Frage schwer zu beantworten ist, selbst wenn sich darunter ein Projekt befinden sollte, das eher auf die zweite Antwort schließen läßt. 
Zudem fehlte ihm als einem in noch unbekannte musikalische Richtungen orientierten, oft eher individuell arbeitenden Musiker, der außerdem zumeist auf reproduzierbare “Gerinnungsformen” seiner musikalischen Produkte  verzichtete, manchmal möglicherweise das "gruppendynamische" Element einer Band, die sich durch die das Gesamtergebnis potentierenden und häufig enorm mitreißenden Kräfte ihres unmittelbaren Zusammenspiels auch dann auf ein Endprodukt festlegen und ggf für dessen Veröffentlichung entscheiden kann, wenn so mancher tüftelnde Einzelgänger immer noch etwas besser machen könnte, bis er -daraufhin häufig unbefriedigt- am Ende alles wieder verwirft. 
Ein dauerhafter Verneinungsmechanismus, der sich im Laufe der Zeit auch gegen die eigene Person selbst richten kann. 

Immerhin veröffentliche Haas unter seinem Vornamen später mit " Hangars d Orion" und “Low” 1998 zwei Techno-LP's auf dem Berliner Label Tresor Records und auch in dem 2001 erschienenen Doku-Interviewband “Verschwende Deine Jugend” nahm er eine nicht unbedeutende Rolle ein. 
Auf die späteren Geschichten über und um seine Person konnte er in seinen für dieses Interview-Buch getroffenen Aussagen freilich nicht reagieren und hätte es höchstwahrscheinlich auch nicht getan. 
Nach dem Tod eines Menschen nimmt die Zahl und Vielfalt der Erinnerungen und ihrer unterschiedlichsten Interpretationen mitunter skurille Ausmaße an. 
Auch Chrislo Haas ist davon nicht verschont geblieben.                                     -  Wolfram Hasch - 

 

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