"D e r  M o m e n t  k u r z  v o r   d e m  E n d e "
 

"Paroxysmus"-Gespräche zwisch Philippe Petit und Jean Baudrillard, erschienen im Passagen-Verlag

Nachdem der französische Philosoph Jean Baudrillard erst im letzten Jahr in dem im Merve-Verlag erschienenen Buch "Passwörter" einen erklärenden Überblick über seine Theoreme gegeben hat, sind -ebenfalls im letzten Jahr- im Passagen-Verlag Gespräche erschienen, die der Journalist Philippe Petit mit  Jean Baudrillard über zahlreiche Sujets wie Fotographie,  die Kindheit der Kunst oder das Nullsummenspiel der Virtualität geführt hat. Auch hier werden- nicht in der Selbsterläuterung, sondern im erklärenden Dialog- viele der grundlegenden
Auffassungen Baudrillards deutlich, darüberhinaus geht es aber auch um aktuelle weltpolitische und technologische Phänomene, deren Erörterung man in "Passwörter" verständlicherweise nicht findet. 
Obendrein ist es bekanntermaßen überaus erfrischend, philosophische Fragen auch dialogisch zu erörtern, weil sich dadurch  manchmal ganz neue Aspekte ergeben. 
Unter  "Paroxysmus", dem Titel des Buches, versteht Baudrillard den Moment kurz vor dem Ende."Anderswo, aber  ganz kurz vor dem Ende, das heißt in der paroxysmalen Phase.Der Moment, auf den es ankommt, ist der des Paroxysmus, der nicht der Moment des Endes ist, sondern der kurz davor.Das paroxysmale Denken steht an vorletzter Stelle, vor dem Ende, an dem es nichts mehr zu sagen geben wird"(S.59). 
Während für den französischen Denker, der sich im übrigen eher als Anthropologe denn als Soziologe versteht ("weil die Soziologie das Gesellschaftliche als Gesellschaftliches nimmt und nicht etwa als Traum, Utopie...") die Welt ihr fälliges Ende permanent hinauszögert, befindet sich Baudrillard bereits auf der Schwelle zu diesem Ende, auf der er sich im Angesicht der Finalität in einem Extremzustand bewegt: sein Denken besitzt die Radikalität dessen, der um dieses Ende nicht nur weiß, sondern es vermöge seines  "Metiers" auch noch zu forcieren vermag, denn "das Denken antizipiert das Ende.Das ist die provokante Funktion des Denkens, ohne Illusionen über seine kritische Funktion oder über sein  ´Engagement´, aber voll und ganz die Vorstellung vom Ende ausspielend". 

Nach Baudrillards Auffassung enthält die Totalität des Virtuellen, obwohl letzteres bereits selbst eine  Apokalyse darstellt, uns das reale Ereignis der Apokalyse vor und erzeugt dadurch ein in fast völliger Statik verharrendes Paradox, "aber wir müssen bis zum äußersten des Paradoxen gehen." 
Die Zuspitzung des Paradoxen wiederum ist eine Angelegenheit des radikalen, nicht mehr dialektisch reagierenden  Denkens, in dem es -angesichts eines Systems, das jede Kritik absorbiert- einerseits dessen  informelle Sättigung beschleunigt,  andererseits seine Aufmerksamkeit auf neu entstehende Singularitäten (Einzigartigkeiten) richtet, von denen wiederum nicht wenige  die Abfallprodukte oder Zwischenfälle einer  perfektionierten Information sind: der technische Unfall, die Seuche, der regionale Konflikt,der spontane Ausbruch des Hasses und vieles andere. Solche Singularitäten stellen  nach Baudrillard Geschehnisse dar, also etwas, das sich im Zuge medialer Vorwegnahme innerhalb des Virtuellen nicht mehr ereignen kann, da die Information nicht mehr über "das Reale" informiert, sondern es -als virtuelle Szene- im vorhinein produziert.
So, wie die Information früher mitunter den wirklichen Verlauf der Ereignisse beeinflusste,so produziert sie diese Ereignisse heute selbst, aber nicht als reale, sondern als Tele-Fictionen, in der Realität und Erfindung ununterscheidbar geworden sind, weil  alles längst innerhalb eines großen Virtual-Fiction stattfindet und damit die Information auch die medialen Voraussetzungen politischer Verantwortungsbildung vollständig untermininiert. 

Ein ebenfalls radikal singulares Ereignis ist für Jean Baudrillard  das Schreiben, weil es sich den - mit bloß zerstreuenden Kommunikationsweisen ihre technische Machbarkeit demonstrierenden- Interaktionsnetzen entzieht, zum physischen Akt wird und - im günstigen Falle- zugleich andere Wirklichkeiten als "das Reale" entwirft: "Es gibt jedenfalls nichts, was dem Denken  und dem Schreiben  mehr entgegengesetzt wäre als seine Ausführung  in Echtzeit auf dem Bildschirm bzw auf dem Computer.Schreiben beruht auf einer strikten  Trennung  des Bildschirms und des Textes.Schreiben bedarf eines klaren Blicks und einer Distanz.Auch mit der Schreibmaschine sehe ich noch die Seite und habe eine körperliche  Beziehung  zum Schreiben ." 

Auch Baudrillards "Behauptungen"  vom  grundlegenden Illusionscharakter des Realen werden im Gespräch mit Philippe Petit erneut klar. Als der kleinste gemeinsame, kommunzierbare  Nenner des Seins  sei "das Reale" immer nur eine unter vielen möglichen Varianten des Imaginären gewesen und habe sich mittels einer - jede Illusion sofort materialisierenden- Technologie zunächst als alleingültig durchgesetzt,totalitarisiert und  daraufhin  durch seine umfassende Virtualisierung  als Realität  ausgelöscht, indem es selbst eine von  unzähligen medialen Fiktionen geworden ist.Auf seinem Höhepunkt sei es  nun nur noch die leere Karikatur seiner ursprünglichen Absichten , die sich in zahllosen Varianten  auf immer dieselbe ereignislose Weise ununterbrochen wiederhole. 

Man darf auf kommende Analysen des französischen Denkers gespannt sein, denn trotz eines mehrfach geäußerten Überdrusses gegenüber seinen eigenen  Begriffen bleibt für Jean Baudrillard  "die Simulation" weiterhin ein brisantes Feld für seine analytischen Untersuchungen, schließlich gehe es  "nicht um den richtigen oder falschen Gebrauch der Information.Ich versuche herauszufinden, wie die Sphäre der Information sich selbst verurteilt, gegen ihre eigenen Grundsätze verstößt, sich in einer fatalen Mechanik selbst zerstört. Sie zerstört zuerst das Ereignis und dann zerstört sie sich selbst als Ereignis. Sie ist ein gewaltiges Nullsummenspiel." 

Jenseits dieses "Nullsummenspiels" favorisiert Baudrillard eine Praxis der Singularität: eine von Referenz und Bedeutungabsicht freie Fotografie gehört dazu ebenso wie der Akt des Schreibens oder ein Gespräch jenseits der Welt der digitalen  Kommunikationsnetze. 
Jenes für "Paroxysmus" geführte Interview zwischen Philippe Petit und Jean Baudrillard zählt  mit hoher Wahrscheinlichkeit auch dazu.                                                                                       Wolfram Hasch
 

 Jean Baudrillard"Paroxysmus", Passagen-Verlag 2002, 

 

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