Ein weisser Strich auf der Berliner Mauer 

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Nahezu zeitgleich zum 50. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer ist in diesem Jahr unter dem Titel „Der weisse Strich“ ein Buch erschienen, das die Ereignisse rund um eine im Herbst 1986 an der Berliner Mauer stattgefundene Malaktion dokumentiert. 
Erzählt wird die „filmreife Geschichte“ (STGS) von fünf Freunden, die sich angeblich als Punks in der DDR-Provinz Weimar fanden, später nach und nach aus der DDR ausreisten und als sie sich Mitte der 80er Jahre in Westber-
lin wiedertrafen, dort ihre künstlerischen Aktivitäten fortsetzten und in der Folgezeit als Künstlergruppe agier-
ten. Vom nachhaltigen Hass auf die DDR geprägt, der sie auch in Westberlin nicht verließ, führte sie eine ihrer Aktionen an die Berliner Mauer, die sie demonstrativ mit einem weißen Strich entlang der gesamten Mauerlänge versehen wollten, um die Unmenschlichkeit dieses Bauwerks ins Bewusstsein der Westberliner Bevölkerung zurückzurufen.
Die am 3.11.1986 begonnene Aktion endete bereits einen Tag später mit der Verhaftung eines der Akteure unweit des Brandenburger Tores.
 
 

Wenn eine solche Geschichte als filmreif bezeichnet wird, stellt sich natürlich die Frage, wer das Drehbuch ge-
schrieben hat. Ob es denn die Realität der Ereignisse gewesen ist oder möglicherweise bloß die spätere öffent-
liche Darstellung, die eine keimhaft vorhandene Eignung zur Filmreife mit Phantasie in die gewünschte Richtung ausbaute. 
Ich behaupte letzteres und werde es im Folgenden belegen. 
Denn im Buch und bei den im Zuge seiner Veröffentlchung stattgefundnene medialen Thematisierung der dort geschilderten Ereignisse und Hintergründe sind eine Reihe von Erfindungen und Zerrbilder enthalten, für deren Verbreitung es eigentlich keine Gründe zu geben scheint, deren  deren Sinn sich aber spätestens dann erklärt,
wenn man sich die öffentliche Interpretation vergegenwärtigt, welche den Eindruck vermittelt, daß eine künstle-
risch-symbolische Aktion a posteriori in politische Action verwandelt wurde. Es ist daher auch kein Zufall, daß die Thematisierung der damaligen Ereignisse ausschließlich im politischen öffentlichen Raum stattfindet, insbesondere dort, wo man sich die Aufarbeitung des russischen Sozialismus ostdeutscher Aufprägung zum Thema gemacht hat.

Nomen est Omen

Die Fiktionalität beginnt zunächst damit, daß nicht bloß der Titel der Publikation, sondern auch der Name für die damalige Aktion mit „Der weisse Strich“ angegeben wird, obwohl diese nie einen Titel besaß. Erst im Zuge der Verhaftung eines der Akteure, woraufhin die verbliebenen Maler die Medien eingeschaltet hatten, um auf die Ereignisse und ihre Folgen aufmerksam zu machen, wurde mit „Die Mauer. Eine begrenzte Aktion“ in der Berliner Abendschau des "Sender Freies Berlin" vom 4.11.1986 zum ersten Mal ein Titel genannt und das offensichtlich deshalb, um den Medien das öffentliche Lancieren der Aktion zu vereinfachen und ihr einen nominellen Rahmen zu geben.
Daß nun 25 Jahre später dieser ohnehin schon a posteriori erfundenen Titel nochmals geändert wurde liegt wohl daran, daß der 1986 für den "SFB" erfundene Name vermutlich zu unsignifikant erschien und man zur Popularisierung von Buch und musealer Wirkung etwas Gleitfähigeres und Prägnanteres benötigte. Mit dem Aktions-Titel „Der weisse Strich“ hatte man dann schließlich etwas gefunden, das sich für den symbolischen Transport der damaligen Mal-Aktion als sehr tauglich erwies. Damit monopolisierte man zugleich aber auch den Begriff: Indem aus einem weissen Strich d e r  weisse Strich wurde, sollte er ab sofort der einzige weisse Strich schlechthin sein. Solche Kultcharakter befördernden  Monopolisierungsversuche sind aus der Welt der Produktwerbung hinlänglich bekannt, wenn beispielsweise, um alle anderen Produkte dieser Art auszuschließen, ein Rasierwasser als "Das Rasierwasser" bezeichnet wird, ohne daß das Wort "Das" noch hervorhebend betont wird.

Eine solch nachträgliche Namenserfindung scheint eigentlich nicht weiter von Belang, zumal der so entworfene Titel, wenn er auf die Monopolisierung verzichtet hätte, eigentlich ja genau ins Schwarze trifft. Doch daß dieses Bemühen zum nachträglichen Ordnen, Rahmen und Bezeichnen kein Einzelfall ist und damit der damaligen „Un-
ordentlichkeit“ und Diskonitinuität der Akteure zuwiderläuft, zeigt auch die nachträgliche „Kollektivierung“ der an dieser Malaktion beteiligten Personen. Diese werden im Buch zu einer Art kontinuierlich agierenden festen Künstlergruppe zusammenmontiert, die sich offenbar bereits Anfang der 80er Jahre in der ostdeutschen Kleinstadt Weimar gefunden hatte und in ab Mitte der 80er Jahre in Westberlin ihre künstlerischen Aktivitäten fortsetzte. 
Doch es gab diese Gruppe nicht. Weder in in der thüringischen Kleinstadt noch in Westberlin. Vielmehr existierte sowohl in Weimar als auch später in im Westteil Berlins ein subkulturelles Konglomerat von mehreren Dutzend politisch und künstlerisch inspirierten Jugendlichen, welche nicht nur aus diesen 5 Personen bestand, die sich schließlich am 3.11.1986 zusammenfanden, um in den folgenden Tagen einen weißen Strich auf die Westseite der Berliner Mauer aufzutragen. Die beteiligten Personen hätten mit Ausnahme des Aktions-Inspirators Jürgen Onisseit auch andere sein können als jene fünf, die sich von den fünfzehn bis zwanzig zur Mitwirkung ange-
sprochenen Personen schließlich zur Teilnahme bereitfanden. Aus dieser potenziell anderen Besetzung dann posthum eine Künstlergruppe zu generieren würde ebensowenig der Realität entsprechen.

(Hinter-) Gründe

In Weimar bestand dieses Konglomerat Anfang der 80er Jahre aus Punks, Hippies, Dissidenten, Reform-Prote-
stanten, spätpubertären Dandys mit künstlerischen Neigungen, Friedensengagierten, Ökologieaktivisten, Feministinnen und Personen, die sich verschiedene Elemente aus diesen Richtungen zueigen machten.
Alle zusammen mochten es an die hundert Personen gewesen sein, die sich in dieser  linksalternativen Szene bewegten. Es zeugt von einer Emanzipationsqualität , daß sich diese Szene trotz der bescheidenen Möglich-
keiten bereits so differenziert hatte, daß man aus dem sehr allgemeinen Konsens des gemeinsamen Andersseins heraustrat und jeweils eigene Wege ging. Wer beispielsweise ein Punk gewesen ist, hatte mit einem eher klassi-
schen Dissidenten wenig Gemeinsamkeiten, solange eine grössere alternativkulturelle Veranstaltung oder die Bedrohung durch äußere Mächte (Polizei, Staatssicherheit) nicht wieder an jenes Boot des Andersseins erinnerte, indem letztlich alle zusammen saßen.
So fanden sich selbst in einer kleinen Alternativ-Szene wie der von Weimar bereits Sub-Szenen mit ihren eigenen kleinen Partys, Konzerten, ihren speziellen äußeren Stilen, ihren Orientierungen, Inspirationen und Weltauffas-
sungen, welche nur für Außenstehende wie etwa die Staatssicherheit und den gewöhnlichen realsozialistischen Spießbürger alle gleich anmuteten: abnorm, asozial, konterrevolutionär.
Eine Geschichtsschreibung sollte nun meines Erachtens nicht jene oberflächliche, wenn auch mit entgegenge-
setzter Wertung vollzogene Wahrnehmungsweise fortsetzen, mit der die Stasi damals operierte. Nachdem das MfS alle in einen Topf geworfen hatte, nimmt man heute oftmals einfach diesen Topf und interpretiert ihn um.

Nachdem 1984/85 ein Teil dieser Weimarer Szene aus der DDR ausgereist war, traf sich wiederum ein gutes  Dutzend von denen, welche in Westberlin ihr neues Zuhause gefunden hatten, dort wieder, aber ganz und gar nicht in dem Sinne, daß sie eine Art Exilgemeinschaft bildeten, in deren sozialem Netzwerk die fünf Mauermaler  als Künstler-Gruppe agierte.
Vielmehr knüpften alle der Ausgereisten neue und pflegten auch so manchen ihrer alten Kontakte, von denen einige freundschaftlich gewesen sind, gerade in den ersten Monaten ihrer Ankunft in Westberlin.
Als im Herbst 1986 schliesslich Jürgen Onisseit an einige seiner alten und neuen Freunde herantrat, um sie mit seiner Idee bekannt zu machen, die durch die Berliner Teilung erzeugte Ghettosituation Westberlins dadurch zu verdeutlichen, indem man einen Strich entlang der gröstenteils aus Berliner Mauer bestehenden Grenze zieht, waren darunter sowohl ehemalige Weimarer als auch Bayern und Hessen. Sie alle hätten gute persönliche Gründe für die Beteiligung an dieser Aktion gehabt. Denn sie stießen in ihrem täglichen Leben durch die Existenz der Berliner Mauer auf räumliche Grenzen und lebten in einer Welt, die ihre Bewohner einerseits einbetonierte, andererseits subventionierte, die Ghetto und gleichzeitig Freiraum und Insel gewesen ist und das nicht nur vergleichsweise zur DDR, sondern auch zum damaligen Westdeutshland.. Eine Welt, die so paradox gewesen ist, daß sie  auf der einen Seite vom Militärdienst befreite, aber zugleich auf unübersehbar rustikale und unver-
hohlene Weise an die Möglichkeit eines Welt-Krieges erinnerte wie zu dieser Zeit wohl sonst keine andere Stadt.

Diese eingemauerte paradoxe Lebensituation der Westberliner Bevölkerung sollte durch das Auftragen eines weißen Strichs sichtbar gemacht werden. Er bedeutete in erster Linie eine demonstrative Grenzziehung, um das Begrenztseins in einem einbetonierten sozialen und politischen Raum zu verdeutlichen. Daß damit zugleich alle Mauermalereien durchgestrichen wurden und somit der über die Jahre etablierte Staffelei-Charakter der Westseite der Mauer inegiert wurde stellte nur eine zwangsläufge, aber überaus willkommene Nebenwirkung dar. Wäre es aber vor allem um das Durchstreichen einer als verharmlosend wahrgenommenen Mauermalkunst gegangen, hätte man das Ziehen des Strichs an Zäunen und Böden für unnötig befunden. Denn dieser Strich sollte natürlich quer über den Stein des Anstoßes, also der Berliner Mauer, gezogen werden, natürlich aber auch dort, wo diese Mauer die Präsenz ihrer Funktion gegen andere sichtbare Mittel tauschte: an Zäunen, Gittern, Böden und unkenntlich gewordenen Demarkationslinien. An den Orten, an denen es nicht möglich gewesen ist, bis an die offiziellen Teilungsgrenzen der halbierten Stadt zu gelangen, wurde die Grenze dort markiert, wo sie für jeden Bewohner Westberlins tatsächlich existierte, so zum Beispiel an den Grenzen des Axel-Springer-
Geländes, welches sich direkt an der Westseite der Berliner Mauer befand und das ohne Verlagsausweis oder besondere Genehmigung zu betreten jedem Westberliner Bürger nicht möglich gewesen ist.

Primär ging es also um die Markierung (und auch sinnliche Erfahrung) dieses speziellen Raums und seiner Grenzen und erst in zweiter Linie um die symbolische Überschreibung der zahlreichen „Mauerkunst“, der Bildermalereien und Botschaften, deren optische Illusion die Situation des Begrenztseins verklärte und den Zweck des Ostber-
liner Mauerbetons entfremdete, indem sie ihn mit dem Pinsel mehr oder weniger phantasievoll übertünchte. 
Durch die flächendeckenden Mauermalereien war das Paradox entstanden, daß aus einem Bauwerk, daß mit „unattraktiv“ zu bezeichnen bei weitem untertrieben wäre, längst eine Attraktion geworden war. Und das nicht nur für Berlin-Besucher, sondern eben auch für diejenigen, die in dieser Stadt lebten und erst recht für jene unter ihnen, für die sich die Mauer längst in eine Art zu spontanem Selbstausdruck einladende Staffelei verwandelt hatte.
Ein weißer Strich quer über diese durch die „Mauerkünste“ erzeugte De-Realisierung der Berliner Mauer würde demnach eine re-realisierende Wirkung zeitigen und gleichzeitig jenen Totalitarismus der Wahrnehmung verstören, der sich anmasst, aus dem Anderen ( in diesem Fall der brutalen und öden Kultur des real-existierenden Sozialismus) letztlich bloß eine Facette der eigenen Welt zu machen, statt der Andersheit und der durch sie erzeugten Irritation und Befremdungsangst ins Gesicht zu sehen, um dann darauf zu reagieren. 
Der weisse Strich an der Berliner Mauer meinte also auch bestimmte Anzeichen eines "Wahrnehmungstotalitaris-
mus" der westlichen Gesellschaft.
 

Re-Realisierung

Der Begriff Re-Realisierung bezeichnet die beabsichtigten Effekte einer solchen Aktion ziemlich genau, handelt es sich doch um eine gegenwirkende Antwort auf eine durch Gewöhnung und (in diesem Falle visuelle) Kaschierung eingetretene De-Realisierung, ähnlich wie Re-Generation einer möglichen De-Generation entgegenwirkt, wobei das „Re“ auf eine Rückwärtsbewegung zum ursprünglichen Zustand deutet.
Genau diese Rückwärtsbewegung des Bewusstseins, dieses Wiedererinnern sollte das Auftragen eines weißen Strichs auf die übermalten, verschlissenen oder in der Gewöhnung unsichtbar gewordenen Demarkationszeichen einer zwangsweise eingemauerten Teil-Stadt bewirken. 
Re-Realisierung stellt also zunächst bloß den Ursprungszustand wieder her und sein moralischer Akzent besteht 
in erster Linie allein darin, eine verstellte Realität so zu demaskieren, dass deren wahre Charakteristik (wieder) 
offengelegt ist.  Eine moralische Bewertung desjenigen, was demaskiert wurde, geht damit nicht automatisch einher. Es ist also dem Betrachter einer solchen Re-Realisierung überlassen, wie er auf das, was sich ihm nun unverklärt(er) zeigt, reagiert: ablehnend, ignorierend, befürwortend, ambivalent. Doch daß seine Reaktion sich wieder auf eine hinter ihrer aktuellen Verklärung liegende tiefere Realität bezieht und nicht auf die Gestalten ihrer Verfremdung und Gewöhnung ist bereits ein erheblicher Gewinn in der Auseinandersetzung. Daß die durch eine solche Aktion wiedererlangte Drastik einer Realität zu drastischen Reaktionen provoziert ist ebenso bereits ein deutlicher Gewinn. Insofern handelt es sich bei solchen Aktionen immer auch um Provokation, denn das, was
sich fortan unkaschierter zeigt, provoziert die tradierten Wahrnehmungen von einem bestimmten Phänomen der
Wirklichkeit.
Den Automatismen der Gewohnheit, Distanz, Ignoaranz und Verklärung ein Bein zu stellen ist die Absicht solchen in Bildern, Filmen, Aktionen sich äußernden Tuns, sei es zum Beispiel das öffentliche Schlachten eines Huhns vor der Fleischabteilung eines Supermarkts oder eben ein weisser Strich an der damaligen Berliner Mauer. 
 

Punks 

Die Beweggründe für die Beteiligung an der Strich-Aktion mögen bei den einzelnen Akteuren unterschiedlich gewesen sein. Ob eher von kunstaufklärerischer Notwendigkeit oder der Lust an gemeinsamer Aktivität, dem Ausbruch aus dem (z.B. abitursschulischen) Alltag oder künstlerischer Wichtigtuerei geprägt, waren diese Gründe letztlich alle stark genug, um sich nicht von der Tatsache abschrecken zu lassen, in tagelang anhaltender monotoner Tätigkeit circa 155 Kilmoter lang einen weißen Strich zu ziehen und das zu einer Jahreszeit, die für derart extensive Freiluft-Aktivitäten alles andere als ideal gewesen ist.

Bei den übrigen Angesprochenen fand die Idee nicht den entsprechenden Anklang. Den meisten von ihnen schien die Proportion zwischen Sinn, öffentlicher Wirkung einerseits und Aufwand andererseits nicht besonders ausgewogen zu sein. Manche scheiterten mangels finanzieller Mittel bereits an der Tatsache, die benötigte Farbe mitbezahlen zu müssen, was selbst bei weniger Mittellosen ein durchaus akzeptabler Grund gewesen ist, wenn man vom Sinn einer solchen Aktion nicht richtig überzeugt ist. 
Diese und andere durchaus ernstzunehmenden Gründe hätte man im Buch erwähnen können, statt sie mit lapidarer Geste als Angsthasen vor der mutigen historischen Tat abzuqualifizieren, die, so soll es den Anschein haben, vor allem durch Furcht und Bequemlichkeit blockiert waren und nicht etwa von Sinn und Wirkungsgrad der Aktion in Abwägung mit deren Aufwand und Risiko. Denn man sollte auch daran erinnern, daß ohne die im Zuge der Verhaftung einsetzende massive Medialisierung mit Ausnahme einiger Passanten sowie frustrierter Künstler, deren Mauerbilder nun weiß durchgestrichen waren, niemand von der Strichmalerei Kenntnis genommen hatte. Diejenigen, die es getan hatten, sind über den Zweck eines solchen weißen Strichs völlig im Unklaren geblieben, so sie nicht zu den wenigen gehörten, die Gelegenheit hatten und es dann auch für nötig hielten, die Akteure danach zu fragen.

Einer derjenigen, die ihre Beteiligung an dem Strich-Projekt damals absagten ist Lutz Heyler, im Herbst 1985 aus Ostberlin ausgereister Maler, der an der Strich-Aktion nicht nur ein Missverhältnis von Aufwendung und Sinn beklagte, sondern zudem auch mit der „pseudoexpressionistischen Kunstprägung“ (Heyler), mit der Strich-Initia-
tor Jürgen Onisseit damals auftrat, nichts anfangen konnte. 
Lutz Heyler, der vor seiner Ausreise nach Berlin-West mit allen der Strichmaler gut bekannt bis befreundet war ist es auch, der auf einige andere Unstimmigkeiten im Buch aufmerksam macht.
Er erinnert, daß die fünf Mauermaler keinesfalls die feste Künstlergruppe bildeten, als die sie im Buch kolportiert wird und fügt hinzu, daß es sich bei ihnen mit einer Ausnahme auch nicht um Punks gehandelt hat. Gerademal Jürgen Onisseit sei Punk gewesen ist, sofern man Punk in seiner Charakteristik versteht und nicht bloß als verallgemeinerndes Clischee für jedwede subkulturelle Lebens- und Ausrucksform. Punk ist als Untergrundkultur, die alle Zeichen einer Subkultur mit eindeutiger Typologie belegt ( von Kleidung- und Musikstil, Weltauffassung, Auftreten) ziemlich unverwechselbar. Umsomehr ist es ärgerlich, daß die Autoren  die Protagonisten der Mauerstrich-Aktion, die vor ihrer (teilweise durch Gefängnisaufenthalt erzwungenen) Ausreise aus der DDR politisierte Hippies gewesen sind (W.Hasch) oder sich in Gefilden dadaistisch inspiriertem Künstler- und Dandytums (T.Onisseit, F.Willmann) bewegten und mit Ausnahme Haschs (der sich dort vom realpolitischem Engagement seiner DDR-Zeit verabschiedete) auch in Westberlin  ihre einstmaligen Neigungen fortsetzten, nachträglich „verpunken“. Und daß sie, offenbar um diesen Punk-Eindruck nicht zu gefährden, wesentliche Dokumente weglassen. 
Man findet in dem Buch weder Kostproben der damaligen kreativen Tätigkeiten der Mauermaler (u.a. experimentelle Romantikdichtung, provokative Selbstmodellierung als Faschist) noch die Erwähnung der Tatsache, daß einer der Beteiligten in der DDR nicht nur für die marginale Beteiligung an einem Flugblatt-
herstellung, sondern wegen eines in der Bundesrepublik veröffentlichten Textes zu 30 Monaten Haft verurteilt wurde. Dieser Text und der Geist seines Verfassers sind dem Wesen des Punk so ähnlich wie es Petra Kelly den Poison Girls gewesen ist. Seine Existenz und damit auch die wesentlichen im Text enthaltenen Intentionen zu erwähnen würde allein schon genügen, um das homogene Bild von den fünf Punks nicht länger aufrechter-
halten zu können. 

Diese nachträgliche „Verpunkung“ stört aber vor allem auch deshalb, weil sie einerseits die „unzurechnungs-
fähige“ Vielfalt der Aktions-Teilnehmer unter den Tisch kehrt und zudem ein weiteres Element in jener nachträglichen Ein-Ordnung darstellt, welche zum Zeitpunkt der Ereignisse gar nicht vorhanden war und schon gar nicht in dieser Eindeutigkeit. Der Fassbarkeit und Attraktivität wegen werden notorisch DDR-hassende Punks und Anarchisten in einer Künstlergruppe vereinigt, wo nichts gewesen ist als spontan sich verbindende, mannigfaltige Untergrundkultur  mit Kontroll-Aversionen aller Art. 
 

Zerfall eines Phantoms

Nach Aussage des Co-Autors Willmann zerfällt die von ihm zuvor für sein Buch zusammengeschusterte Künst-
lergruppe 1987, obwohl drei der fünf Mauermaler noch lange nach 1987 zusammenwirkten, u.a. in einer Perfor-
mance- & Musikgruppe, in der auch weitere der Personen agierten, welche 1986 als potenzielle Beteiligte der Mauermal-Aktion angesprochen worden waren.
Es liegt aber in der Logik dieser um Kontinuitätsdeutungen bemühten Geschichtschreibung, daß sie bereits bei 
kleineren Diskontinuitäten einen Zerfall konstatiert und auch nur dann konstatieren kann, wenn sie vorher dessen Gegenteil - eine verschworene Gemeinschaft- gesehen hat, obwohl es die behauptete organisierte Homogenität einfach nie gab.
Vielmehr bestand ein sozial loses Netz von teilweise (!) freundschaftlichen Kontakten, die sich jeweils in unter-
schiedlicher Besetzung zu gemeinsamen Unternehmungen zusammenknüpften. Ein Sozialverhalten, das sich auch später nicht änderte, nachdem zwei der damaligen Mauerstrichmaler sich allmählich von den übrigen ent-
fernten.
Mit dieser Zerstörung des im Buch gerade frisch geborenen Mythos von der  notorisch mauerhassenden Punk-
ArtCompany entfallen dann natürlich auch weitere Elemente des filmreifen Plots: Aus Punkfreunden, die sich in der DDR zusammenschlossen, später als Westberliner Künstlergruppe weiterwirkten und schließlich zerfielen wird die banale Kontinuität eines losen und nicht bloß aus Ex-DDR-Bürgern bestehenden subkulturellen „Milieus“, in denen Punk oftteils nicht mehr gewesen ist als eine von zahlreichen Facetten in der Platten & Kasettensammlung multipler Außenseiter.
 

Der Spitzel

Der konstatierte Film-Plot dünnt weiter aus, wenn wir die bizarre Rolle des damaligen Aktions-Initiators J. Oni-
sseit genauer betrachten. Sendungen wie die „tagesthemen“ und „Aspekte“ haben nicht unerwähnt gelassen, daß sich im Zuge der Recherchen zum Buch einer der Akteure als Spitzel des Ministeriums für Staatssicherheit entpuppt hat, wobei sie den Zeitraum, in der er als Interner Mitarbeiter für dieses Ministerium tätig gewesen ist, nicht genannt haben. Onisseit kündigte seine MfS-Mitarbeit Ende 1984, also 2 Jahre vor der Mauerstrich-Aktion. 
Erwähnt man dies jedoch nicht, entsteht der inzwischen von -in diesem Punkt ahnungslosen- Zuschauern bestä-
tigte und den bizarren Spannungsgehalt der Ereignisse förderliche Eindruck, daß J.Onisseit während der Strichaktion noch für das MfS arbeitete und ihr möglicherweise Informationen darüber lieferte. Auch sein in Weimar entwickeltes schizoides Verhalten hätte er dann fortgesetzt: Im gleichen Moment Denunziant derjenigen Personen zu sein, die er eben noch zu einer provokativen Idee angeregt hatte.
Ob es sich bei den genannten Sendungen letzlich um Nachlässigkeit bei der Recherche (unterlassene Nachfrage) oder bewusste Absicht handelt ist dabei nicht von Bedeutung.
Zu vermuten ist aber dennoh, dass hier die Methode gewählt wurde, durch Weglassen vermeintlich belangloser Details Wirkungen zu erzielen, die dann durchaus nicht belanglos sind, für deren Erzeugung man aber nicht direkt verantwortlich gemacht werden kann, da es letztlich nur affektive Schlussfolgerungen des Betrachters sind und nicht tatsächlich kolportierte Fakten.
Die Unterlassung wandelt immer über dem Abgrund der Lüge

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      4. Das vermeintliche Spektakel der Verhaftung 

Ein wesentliches Element in der Dramatik des herbeigeredeten Films ist die Verhaftung einer der Mauermaler, deren Potenzial zum Polit-Actionthriller erkannt, bereits 1986 und nun ein Vierteljahrhundert später nochmals medial so gemästet wurde, daß sich das (Aus-)Schlachten der Ente lohnt. Doch konnte man damals noch ein gewisses Verständnis für Lüge und Übertreibung aufbringen, weil es ja in den meisten Medien auch immer um propagandistische Effekte gegen den Systemfeind Sowjetsozialismus ging, so ist eine solche mit Erfindungen angereicherte Tendenziösität heute, 21 Jahre nach dem Ende des stalinistischen Sozialismus, nicht mehr nachvollziehbar. 
Das Szenario der Festnahme ist bis heute von den Medien in den wilden Fiktionen geschildert worden. Es begann bereits am Abend der Verhaftung, als die "Berliner Abendschau" einen der „hinterbliebenen“ Mauermaler über das Geschehen befragte, der kurioserweise während der Verhaftung gar nicht am Ort des Geschehens gewesen ist, aber nun als Augenzeuge umso authentischer die Situation mit den Worten herbeischilderte: „Der Willi rief noch schnell `weg`, aber den Wolfram hatten sie schon am Arm gepackt und mit gezogener Waff `Mitkommen`...und 
er hatte keine Chance mehr.“ An dieser Schilderung entspriht so ziemlich nichts der Wahrheit.
Am darauffolgenden Morgen schlugen "Berliner Zeitung" und "Bild" in die gleiche Action-Kerbe, schrieben von mit entsicherten Maschinengewehren aus einer Mauertür herausstürmenden Grepos, die sich einen Mauermaler griffen und ihn nach Ostberlin kidnappten. Der schrie laut Schlagzeile der "BZ" angeblich noch seinen Namen, um nicht vergessen zu werden. Eine Aussage, deren Glaubwürdigkeit schon deshalb jedem, der sich über die Ereig-
nisse auch nur kurz informiert hatte, völlig absurd vorgekommen sein muß, als der Verhaftete ja doch davon aus-
gehen konnte, daß seine auf sicherem Westberliner Territorium verbliebenen Mitstreiter den Namen desjenigen nicht vergessen haben konnten, der nun plötzlich  nicht mehr unter ihnen verweilte.

Die Praxis des Namenrufens im Moment einer Verhaftung ist bekannt von Demonstrationen und Straßentumulten, bei denen einzelne Teilnehmer von der Polizei festgenommen und in ein Polizeifahrzeug gezwungen werden.
Meist haben sie im Verlauf der Tumulte den Kontakt zu Freunden verloren, mit denen sie zu Beginn gemeinsam erschienen waren. Umstehenden Teilnehmern, seien es Demonstranten, Passanten oder Journalisten, wird im Zuge der Festnahme eilig und deutlich der Name zugerufen, damit Angehörige und Freunde informiert werden können und auch deshalb, um das nicht auszuschließende anonyme Verschwinden in polizeilichem Gewahrsam zu vereiteln, selbst wenn es sich dabei nur um Tage handeln sollte. So sinnvoll eine solche Praxis in dieser Situation ist, so lächerlich und an den Haaren herbeigezogen wirkt sie in anderen Situationen wie eben der von Haschs Verhaftung am 4.11.1986.
 

                               4.1. Das strategische Vorgehen der Grenzeinheit
 

                   
 

Erforscht man die für die beabsichtigte Verhaftung von den Grenztruppen der DDR realisierte Einsatzstrategie, so ergibt sich, daß für die beabsichte Festnahme 3 Grepos vorgesehen waren. Sie stiegen im Mauerbereich des damaligen Lennedreiecks durch eine kleine im Mauerwerk befindliche Tür, die von den Grepos als „Schluptor“ bezeichnet wurde. Das Lennedreieck befand sich auf der Westseite der Mauer und ragte vielleicht zweihundert Meter nach Westberlin hinein. Es bestand in einem umzäunten, wild wuchernden Grüngelände und gehörte zum Territorium der DDR.
Ein solches Gelände eignete sich perfekt, um unbeoabachtet aus der Mauertür hinauszusteigen und von dort aus immer auf der Wesrtseite der Mauer - optisch verborgen durch Tiergarten-Waldung - entlang Richtung Brandenburger Tor zu laufen, um sich irgendwo zwischen Lennedreieck und Brandenburger Tor ein geeignetes Versteck im Dickicht des unmittelbar an der Mauer befindlichen Tiergarten-Parks zu suchen. 
Und das zu einem Zeitpunkt, als die Mauermaler noch hunderte Meter entfernt vom späteren Festnahmeort ge-
wesen sind und zudem durch Zaun und Grünvegetation des Lennedreiecks keinerlei Sicht Richtung Brandenburger Tor und Geschehen innerhalb des Lennedreiecks hatten. 
Nachdem sich dieses Dreieck zunächst als unbeobachtbarer Schlupftor-Ausstiegsort für die Grepos, später als Platz eignete, den Festgenommenen zu durchsuchen und zu fotografieren, diente er zuvorderst als Grepo-Sicht-
schutz für die strichziehend herannahenden Mauermaler.
In Bereich zwischen Lennedreieck und Brandenburger Tor befand sich zwischen Mauer und Waldbereich lediglich ein 1 bis 2 Meter breiter Fusspfad. Fünf Meter hinter der Westseite der Mauer gehörten aber offiziell noch zur DDR, sodaß also hinter dem 1-2 Meter breiten Fusspfad auch  3 Meter des Tiergartenwaldes ebenfalls noch zum Territorium der DDR zu rechnen waren. Genau in diesem Bereich warteten die DDR-Grepos im Buschwerk.
Daß die Waldung zudem auch unliebsame Passantenblicke verhinderte, bedeute für die Einsatzstrategie der Grenzposten einen zusätzlichen Pluspunkt, denn man wollte sowohl öffentliches Aufsehen als auch Auseinander-
setzungen vermeiden.
Die beabsichtigte Festnahme sollte - ganz in der bewährten Praxis der Staatssicherheitzugriffe- möglichst komplikations- und augenzeugenlos vonstatten gehen und je „anonymer“ und für den Festzunehmenenden chancenloser sich die Situation darbot, umso leichter wäre die angestrebte Komplikationslosigkeit zu erreichen.
Und das tat sie dann auch.

Da die Mauermaler, wie die Fotos dokumentieren (siehe Bild ganz oben), in einer Art Reißverschlußprinzip arbei-
teten und in einem Abstand von ca 7-10 Metern jeweils einen Teil der Mauer mit ihrem Strich versahen, um nach beendetem Abschnitt in eine noch unbestrichene Mauerfläche hinein aufzurücken, war derjenige, der zu diesem Zeitpunkt als erster die Höhe des Grepo-Verstecks erreichte der größten Festnahmegefahr ausgesetzt.
Nachdem der Maler Hasch gerade Farbe aus seinem Eimer in den Pinsel aufgenommen hatte und daraufhin seine Maltätigkeit fortsetzte, traten die Grepos blitzschnell aus ihrem Versteck hervor, umstellten den Mauermaler und teilten ihm unter symbolischer Präsenz ihrer Gewehre resolut mit „Sie sind festgenommen“. 
Diese Situation bedeutete gleichzeitig ein ideales Warn-Signal für den Maler, der sich aufgrund des genannten Malarbeitsweise in einem Abstand von ca 7 bis 10 Metern weiter rechts an der Mauer befand, also noch vor der Höhe des Zugriffsorts. Er liess Eimer und Pinsel liegen und flüchtete in den sicheren Westteil des Tiergartens.
Für den festgenommenen Maler stellte sich die Situation ungleich aussichtsloser dar, denn die resolute Um-
stellung durch die Grenzposten machte eine auch erfolgversprechende Flucht unmöglich.
 
 

                  
 

Zudem wurde die Motivation zu diesem aussichtlos erscheinenden Versuch noch durch Informationen ver-
ringert, welche die Westberliner Polizei noch am Tag zuvor den Mauermalern mitgeteilt hatte. Die Beamten hatten erklärt, man solle auf die durch Mauerbilder kaum sichtbaren kleinen Rahmen in der Mauer achten, da diese auf Türen hinwiesen. Sollte es aber trotz entsprechender Aufmerksamkeit zum äußersten Fall einer Fest-
nahme kommen, sollte man sich auf einen ca zweiwöchigen Aufenthalt in der Ostberliner Untersuchungshaft. einstellen. Den Mauermalern plausibel erschien diese Aussage dadurch, daß Wochen zuvor ein kanadischer Bürger auf die Mauer mit einem Hammer eingeschlagen hatte, daraufhin festgenommen und bereits nach kurzer Zeit wieder entlassen wurde.
 

Die Situation nahm ihren Lauf. Wolfram Hasch wurde ins Lennedreieck abgeführt, wo neben den drei festneh-
menden Grepos zwei weitere DDR-Grenzer warteten, die laut Aussage des bei der Festnahme anwesenden Grepo Fittinger das Lennedreieck bereits seit der Zeit, seit der sie es durch die kleine Mauertür betreten hatten, gegen "antisozialistische Provokationen sicherten".
Von Sturmlauf der Grepos durch eine Mauertür und sofortiger Anwendung rapiater körperlicher Gewalt kann also nicht die Rede sein. Die Gründe für diese Art von Darstellung liegen aber auf der Hand: Für "Bild" und "BZ" waren es willkommene Szenarien in ihrem speziellen kalten Krieg mit der DDR und dem actionverliebten Charakter ihrer Art der Berichterstattung. Etwas kühlere Medien wie die "Berliner Abendschau" mußten sich auf die Aussagen der verbliebenen Strich-Akteure verlassen, die aber während der Zeit vor und während der Festnahme aus unter-
schiedlichen Gründen entweder gar nicht vorort gewesen waren oder die Situation nur aus einer Distanz und in äußerster Eile erlebt hatten, wie der erfolgreich geflüchtete Frank Willmann. 
Warum nun, 25 Jahre später,Versionen verbreitet werden, die doch offensichtlich niemandem mehr nützen, da es weder eine DDR gibt, mit der man kalten Krieg führen muss noch einen Häftling, den man durch actionartig dramatisierende Berichterstattung öffentlich „freizusolidarisieren“ hat,  zudem nun erfreulicherweise die damals nicht verfügbaren Recherchequellen ( Grepo-Protokolle sowie Aussagen der unmittelbar an der Festnahme beteiligten Täter und Opfer) zur Verfügung stehen, ist im ersten Moment zwar verwunderlich, aber spätestens dann nicht mehr, wenn man die Absichten erkannt hat. Die beabsichtigte Darstellung soll die Filmreife des damaligen Geschehens zur allerbesten Frucht bringen.

So spricht das ZDF in einem -unter allen Mauerstrich-Filmchen immerhin noch am gelungensten wirkenden- Beitrag der Sendung „Aspekte“ von „Grepo Fittinger, der sich mit gezogener Waffe Wolfram Hasch greift“. Frank Willmann wählt im von ihm mitherausgegebenen Buch in seiner Darstellung eine Mischung aus Unwahrheit und recht übler Beleidigung des Opfers. "Ich hab meinen Pinsel weggeworfen und bin sofort in die Büsche. Wolfram hatte eine Zigarette in der Hand und guckte die Grenzer an, nach dem Motto, was wollt ihr eigentlich, ich bin lieb, mal hier nur einen kleinen Strich. Er war überrascht, verblüfft und sich in keinster Weise der Gefahr bewußt. Ich hingegen war ganz Fluchtreflex. Ich bin panisch durch das Gebüsch gestürzt."
Niemand zweifelt  daran, daß Willmann damals „ganz Fluchtreflex“ gewesen ist.
Ziemlich erstaunlich ist es aber, wenn er dem Leser ernsthaft glauben machen möchte, während seiner panik-
artigen Flucht tatsächlich noch mitbekommen zu haben, wie Wolfram Hasch auf die plötzliche Umstellung rea-
gierte und daß und was er in diesem Moment, der weder eine Wahl noch Zeit zum gedanklichen Abwägen ließ, dachte. Zudem nicht zu erwähnen, daß er  unter völlig anderen Voraussetzungen handelte als derjenige, den die Grepos schließlich nach Ostberlin abführten, erinnert an die Methode der weiter oben im Zusammenhamg mit IM Onisseit erwähnten Informationsunterlassung, wobei hier neben Action-Absichten gewiss auch eitle Selbstdar-
stellung eine Rolle spielt. Warum ein Mensch, der einerseits angeblich unter Schockstarre stand und von plötzlich aus einer Tür herausstürmenden Grenzsoldaten mit gezogener Waffe abgegriffen wird gleichzeitig derart unbe-
kümmert und gedanklich abwägend reagieren kann wird sich der Autor beantworten können. 
Auch die Erfindung des wegen einer Zigarette fluchtbehinderten Opfers wirkt absurd. Sollten die Möglichkeiten des Davonlaufens in irgendeiner  Weise einschränkt sein, wenn jemand im Moment des plötzlichen Auftauchens einer Bedrohung, ergo eines Fluchtgrundes gerade dabei gewesen ist, eine Zigarette zu rauchen? 

Zwischenvermutung

Natürlich wird nicht allein die Qualifiaktion zur Filmreife der Grund für all diese Erfindungen und Übertreibungen sein. Auch eine gewisse Profilierungssucht des Autors Willmann ist, wie bereits angedeutet, an manchen Stellen des Buches auffällig.
So spricht Willmann davon, er sei der erste gewesen, der in der Weimarer Subkultur einen Antrag auf Ausreise aus  der DDR-Staatsbürgerschaft gestellt habe und andere ihm daraufhin folgten. Tatsächlich jedoch gab es eine Reihe Personen aus der Weimarer Szene, die dies bereits vor ihm getan hatten, auch aus seiner Alters-Genera-
tion. Zum zweiten hatten so manche der Weimarer Nonkonformisten gar nicht die Absicht, auszureisen. Viele von ihnen wollten entweder weiterhin in der DDR  leben, wie es eine Reihe derjenigen, die damals zu Willmanns Freunden oder guten Bekannten gehörten, bis zum Fall der Mauer und darüber hinaus auch taten.
Andere hatten zumindest die Absicht, solange in der DDR zu bleiben, bis eine aufgrund der anhaltenden "staats-
feindlichen" Aktivitäten zu erwartende Haftstrafe möglicherweise so hoch ausfällt, daß sie die Wahl nahelegt, die lange Haftzeit durch einen Antrag auf Entlassung aus der DDR-Staatsbürgerschaft und Ausreise in die Bundes-
republik zu verkürzen.
Diejenigen, die nicht vorhatten, die DDR zu verlassen, haben sicherlich nicht angenommen, sie könnten mit ihren Aktivitäten die DDR-Bevökerung in absehbarer Zeit für einen Sturz des Regimes gewinnen, zumal auch noch einen linksalertnativ motivierten, der  den Prototyp des DDR-Bürgers kaum zu einem Umsturz zu bewegen ver-
mochte. Es ging schlichtweg darum, sich als Subkultur zunächsteinmal am Leben zu erhalten und sich auf dieser Basis möglichst zu erweitern und andere als die vom Regime durchgesetze Lebens-und Denkweisen zu entwik-
keln. Seine eigene Musik zu machen und zu verbereiten oder zum Beispiel Ansätze zur Abwendung eines Krieges zu verfolgen, die mit der SED-Verteidigungsdoktrin brachen. Gerade im Jahre 1983 hatte sich der Ost-West-
Konflikt militärisch so zugespitzt, daß ein Atomkrieg im wahrsten Wortsinn geradezu in der Luft lag. Sodaß Andersdenkende in der DDR sich nicht bloß der notorischen, systemimmanenten Repressionen  zu erwehren hat-
ten, sondern zugleich einer globalen Katastrophe, welche jene restriktiven innerpolitischen Verhältnisse über-
schattete.
Es ging also nicht um die missionarische Ideologisierung der Bevölkerung, wie Willmann es in seinem Buch nennt, um - sich von diesen Illusionen abgrenzend- seine Ausreiseantragsmotive schlüssig zu begründen, sondern um die Entwicklung von Widerständen und eigener Lebenskulturentwürfe sowie die Verbreitung von sonst unzu-
gänglichen Informationen und das teilweise auch über den eigenen Tellerrand hinaus. In der geschlossenen Gesellschaft des Realsozialismus sich Freiräume zu schaffen konnte anregend und „ansteckend“ für andere Menschen gewesen sein, propagandistische und missionierende Absicht hatte das ganz gewiss nicht.
 

Kontrollverlust 

Im vorliegeneden (Dreh-)Buch wird eine Szene aus einer recht bizarren Neujahrsfeier 1983 beschrieben, die für einen der Beteiligten erhebliche Folgen für sein zukünftiges Leben haben sollte. Es geht dabei um ein Gespräch zwischen Wolfram Hasch und einem Mitarbeiter des MfS. Hasch verweilte zu Silvester bei einer kleinen Wohnungs-Party einer Bekannten, die im gleichen Mietshaus zwei Stockwerke unter der Wohnung dieses MfS-Manns wohnte. Während bereits das neue Jahr einige Minuten alt war, traf der Mitarbeiter des MfS, nachdem er von Hasch vorher bei einer kurzen Begegnung im Hausflur dazu eingeladen worden war in der Wohnung der kleinen Party-Gemeinde ein.
Der MfS-Beamte, den Silvestergepflogenheiten entsprechend bereits recht alkoholisiert unterhielt sich mit Hasch zunächst über die Wege zur Abwendung eines gloablen Krieges, wobei die Positionen dazu unterschiedlicher nicht sein konnten: der MfS-Mann betonte die Notwendigkeit von Atomwaffen und einer militarisierten Gesellschaft zur Verteidigung des Friedens, Hasch lehnte dies ab. Daß es darüber keine einhellige Meinung geben würde, war Hasch vorher klar, doch nutzte er diese Unterhaltung, um den Stasi-Mann so gesprächig und vertraulich zu stimmen, damit er ihm vielleicht einige Internas/ des MfS verriet, insbesondere die  zu erwartende Strafhöhe der sechs wegen Hausfassaden-Sprühereien seit mehreren Wochen in Untersuchungshaft einsitzenden Personen, die Hasch allesamt persönlich kannte. Eltern und Freunde der Inhaftierten machten sich erhebliche Sorgen, denn sie hatten keine Hinweise, welche Strategie die Justiz anwenden würde: Die Verurteilung zu eine eher warnenden und „resozialisierenden“, also kürzeren Strafe oder aber zu einer abschreckenden und feindselig ausschliessenden hohen Strafe. Anzunehmen war auch eine Mischung aus verschiedenen Strafhöhen, in der Weise  daß man einige der Inhaftierten gering und andere hoch bestrafte, um so Irritation und Spitzel-Mißtrauen in der Weimarer Szene zu erzeugen und diese damit zu schwächen. 
Deshalb versuchte Hasch von dem MfS-Mitarbeiter zu erfahren, was die Inhaftierten an Strafe in etwa zu erwarten hatten. Worauf der MfS-Mann ihm mitteilte, daß alle Inhaftierten spätestens im Frühjahr wieder aus der Haft entlassen würden und hinzufügte: „Aber für Dich und Deinen Freund Otto sieht es böse aus.“, womit er offensichtlich eine unmittelbar bevorstehende Inhaftierung meinte.
Hasch reagierte auf diese Information zügig und übergab wenige Tage später einem Westberliner Freund einen Text, den er bereits Tage in den letzen Tagen des alten Jahres zu schreiben begonnen hatte über die Weimarer Subkultur geschrieben hatte mit der Absicht, diesen unter Pseudonym zu veröffentlichen, solange er zum Zeitpunkt der Veröffentlchung noch "auf freiem Fuss" ist.  Mit seiner Schrift wollte Hasch die Alternativbewegung der BRD über die bis dato wenigen in der Bundesrepublik bekannten Informationen hinaus auf die Situation in Weimar aufmerksam machen, sodaß die zurückliegenden und möglicherweise bevorstehenenden Verhaftungen und ihre Hintergründe eine solidarisierende Aufmerksamkeit bekommen könnten. 

Nachdem Hasch dann Ende Januar 1984 verhaftet wurde, erschien dieser Text nun unter seinem tatsächlichen Namen einige Tage später in der Westberliner „tageszeitung“ unter dem Titel „Gegen den preussischen Alltag in der Provinz“. Als das Ministerium für Staatssicherheit von seinen Medienrechercheuren daraufhin von der Veröffentlichung erfuhr, fragte Haschs in der Untersuchungshaft für ihn zuständiger Vernehmer  nach den Beweggründen für diese ddr-juristisch als „ungesetzliche Nachrichtenübermittlung“ bezeichnete Veröffentlichung. Daraufhin erzählte Hasch ihm, daß er von dem ihm namentlich bekannten MfS-Mitarbeiter R. während einer Silvesterparty über seine baldige Inhaftierung unterrichtet worden sei und deshalb beschlossen habe, nicht sprachlos im Gefängnis zu verschwinden. Natürlich wollte der nun hellhörige "Untersuchungsführer" wissern, ob in jener Nacht auch noch über andere Dinge gesprochen wurde und Hasch erwähnte, daß er von dem MfS-Mann überdie vorraussichtliche Strafhöhe der seiner Freunde und Bekannten informiert worden sei.
Der MfS-Mitarbeieter R. wurde daraufhin mehrfach verhört und schließlich aus dem Dienst entlassen. Er fand schließlich eine Anstellung als Hilfsarbeiter in einem Uhrenwerk.
Das MfS hat ihren Mitarbeiter gewiss nicht deshalb entlassen, weil er einem Oppositionellen mitteilte, daß er bald verhaftet würde. Solche Drohkulissen gehörten ja zum Einschüchterungs-Repertoire der Stasi. Des Dienstes entbunden hat die Stasi ihren Mitarbeiter ganz offenbar deshalb, weil er sich in einer privaten Situation unter -seine Verschwiegenheit gefährdenden und Fremdpersonen offensichtlichen- Kontrollverlust mit einem System-
Gegner eingelassen und so in eine Situation gebracht hatte, in der er MfS-Geheimnisse hätte verraten können. Was er schließlich auch tat, indem er über das zu erwartende Strafmass der Hasch bekannten Personen informierte, die seit November 1983 in Untersuchshaft saßen. Nicht bekannt aus den Praktiken des MfS ist jedoch, daß es seine Mitarbeiter deshalb entließ, weil es Bürgern eine bevorstehende Haft andeutete bzw. mit dieser drohte, welche Konsequenzen (z.B. Fluchtversuch) diese Bürger dann auch immer aus dieser Drohung zogen. Dann hätte die Staatssiherheit bald keine Mitarbeiter mehr gehabt.
Der MfS-Beamte hatte, um sich vor seinen Vernehmern mildernd aus der Affäre zu ziehen angegeben, daß er völlig betrunken und derealisiert gewesen und dann auch noch von Hasch in seiner Ehre provoziert worden sei, als dieser ihm gegenüber angeblich äußerte, daß die Subkultur-Szene in Weimar ihn im allgemeinen für sehr eingeschränkt denkfähig hielt, woraufhin sich der Stasimann seinen Protokollaussagen zufolge an Hasch für diese Demütigung revanchierte, indem er ihm durch Festnahmeankündigung Angst zu machen versuchte. 
Zudem sei er durch eine Bekannte des Hasch, welche im Verlauf des Abends auf seinem Schoß Platz genommen hatte auch noch durch Zärtlichkeiten schwach gemacht worden, sodaß er durch all diese Einflüsse, die Trunkenheit, die verletzte Ehre, die Streicheleinheiten an notwendiger Disziplin eingebüßt hätte.
Im Buch „Der weisse Strich“ werden nun genau diese zur eigenen Entlastung vorgebrachten Aussagen des Stasi-Beamten verwendet, um damit- das Drehbuch ruft ! - eine art Westernsalon-Situation zu kreieren, indem eine Bardame sich auf dem Schoß eines angetrunkenen Goldbesitzers niederlässt und ihn mit Liebkosungen so erweicht, bis er das Versteck seiner Golddukaten verrät. Vielleicht erzeugt diese Szenerie ja auch Affinitäten zu einem History-Drama....zum Beispiel aus den Zeiten der Resistance, welche gegen das sie jederzeit mit dem sofortigen Tode bedrohende deutsche Faschistenregime auch mit äußerst skurillen Mitteln der Konspiration agierte, um ihre Besatzer zu bekämpfen. 
Welche Affinität man auch wählt oder es gar sein lässt, in jeden Fall wertet diese Art der Darstellung das auf, was sich in der Silvesternacht 1983/84 tatsächlich zugetragen hat.
Weder wurde der MfS-Mitarbeiter psychostrategisch noch erotisch provoziert, um ihn aus der Reserve seiner  geheimdienstlichen Dienstgeheimnisse zu locken.
 

Verheimlichungsträger

Wie jeder weiß und vermutlich auch schon persönlich erlebt hat, kann die Preisgabe von Geheimnissen verhee-
rende Folgen haben. Für den, der preisgibt ebenso wie für denjenigen, der preisgegeben wird. Andererseits kann deren Gegenteil, die Geheimhaltung (oder weniger beamtet ausgedrückt: die Verheimlichung) wiederum Preise vergeben, deren Attraktivität nicht nur ein MfS-Mitarbeiter zu schätzen wußte. Preise nicht nur mit Geld- und Sachprämien, sondern zum Beispiel auch in Form von Resonanz und Zuspruch, die mitunter mehr wert sind als ein paar zusätzliche Geldscheine. Die Autoren des Buches wissen das. Ganz offensichtlich. 
Denn anlässlich des 50. Jahrestages des Mauerbaus sollte eine Geschichte präsentiert werden, die, wenn sie schon nicht selbst als Film konzipiert ist, so zumindest einen Spannungsgehalt birgt, der manche Leser, ohne daß diese von selbst zur Übertreibung neigen müssen, dazu veranlasst, dieser Geschichte eine Filmreife zu beschei-
nigen, deren Produkt sich im Zusammenhang mit der Symbolkraft der Berliner Mauer im realpolitischen Milieu ausgezeichnet lancieren lässt. 
Zu diesem Zweck wurde von denen, die die damaligen Ereignisse nun via Buch thematisierten, nicht nur manches erfunden oder übertrieben, sondern auch unterschlagen.
So zum Beispiel jenes durchaus für die Dokumentierung relevante Dokument eines Fotos, auf dem die vom Inspi-
rator der Strichmalerei zu Aktionsbeginn im Bereich Mariannenplatz an die Berliner Mauer geschriebene Aktions-
begründung zu sehen ist. Selbst wenn man diese Botschaft heute nicht mehr teilt, selbst wenn man seinerzeit
angeblich nicht zugegen gewesen sein will, als sie auf die Berliner Mauer geschrieben wurde, selbst wenn man sie schon damals nicht mochte und sie heute „zu prollig“ (Zitat Willmann) findet und deshalb unter den runden Tisch der Aufarbeitung fallen lässt, sie ist ein nicht zu verschweigendes Zeugnis der damaligen Aktion und gehört deshalb, mindestens als Ereignis und in sinngemässer Wiedergabe  in ein solches Buch hinein, eben weil sie genau jene Motivation ausdrückt, mit der der Initialzünder dieser Aktion seine potenziellen Mitstreiter im Hebst 1986 für eine Mitwirkung anzuregen versucht hat:
„Dieser Strich wird als Markierung des Berliner Raums neu vollzogen, um die Mauer rundherum als Ghettowall bloßzustellen. Anfang und Ende hier."

Abgeshen von der für einen bestimmten Aktionskünstlertypus verzeihlichen leichten Holprigkeit der Wortfindung ist der Verweis auf Anfang und Ende am gleichen Punkt interessant. Ob gewollt oder nicht drückt er doch aus, daß sich das Leben im ummauerten Westberlin letztlich immer im Kreise drehte und das Ziehen dieses Strichs  das Eingekreistsein erfahrbar macht und damit sinnlich begreift und in gewissem Sinne dadurch überwindet.
Von provokativem Angriff auf die Berliner Mauer als unmenschliches Betonwerk des SED-Regimes, dass Brüder und Schwester im Osten Deutschlands an der Freiheit hindert und sie von ihren Familienangehörigen im Westen trennt, ist ganz offensichtlich nicht die Rede und war es auch nie, als J.Onisseit versuchte, für seine Idee Akteure zu gewinnen.
Um den Weg freizumachen für eigene, nachträgliche Motivationen, die historisch heutzutage einfach attraktiver sind als die Erinnerung an Westberlins Lebensbedingungen zu Zeiten des  "antifaschistischen Schutzwalls" musste man dieses einzige verfügbare Dokument der damaligen Beweggründe ignorieren und unter den roten Teppich des Mauerbau-Jubiläums kehren.
 

Vom Fluchtreflex zur Flüchtigkeit 

Doch ganz sicher spielt bei der Unterschlagung und Dichtung nicht bloß Absicht eine Rolle, sondern mitunter auch eine gewisse Flüchtigkeit der eigenen Erinnerungsvorgänge. Sie zeigt sich zum Beispiel. darin, daß der Name eines u.a. von Willmann, Heyler, J.&T.Onisseit an Wochenenden in der Nähe des Berliner Reichstags betriebenen  golf-
ähnlichen Sportspiels mit "Kricket" angegeben wird, obwohl es sich um Krocket handelte. Kricket hingegen ist ein basketballverwandter Mannschaftssport und hat mit Krocket außer der Tatsache, daß ein Ball im Spiel ist, nichts gemein.
Weniger eindeutig lässt sich sagen, daß es ebenfalls bloß Erinnerungsflüchtigkeit gewesen ist, wenn ein im Buch erwähnter, 1985 im Selbstverlag produzierter Gedichtband, bei dem Frank Willmann seinerzeit selbst mitgewirkt hat mit einem falschen Titel und unvollständiger Nennung der an diesem Band mitwirkenden späteren Mauermaler angegeben wird.  Ist es wirklich bloß ein aus Flüchtigkeit entstandener Zufall, daß aus dem selbstironischen Titel „Pik 7“ des damaligen Buches nun der recht selbstherrlich klingende Titel „Pik Ass“ geworden ist ? Vielleicht hat der Autor ein Vierteljahrhundert später seine Vergangenheit möglicherweise bereits so heroisiert, daß man hier noch nicht einmal von bewusster Absicht sprechen kann, sondern vielmehr von unbewusster Absicht. Vom Selbstlauf einer reminiszenten Verklärung, die vom Vorsatz frei ist, da sie längst unbewusst arbeitet.
 

                                     
 

Ein Fazit

Trotz aller Unfeinheiten: für einen Film - sei es auch „bloß“ der im Kopf - sind die Ereignisse von damals vielleicht nichteinmal ungeeignet. Allerdings dürfte es ein anderer als der beabsichtigte Action-Thriller werden, sobald man die Ereignisse als Drehbuch verwendet und nicht dasjenige, was -aus welchen besonderen Gründen auch immer-  erfunden, unterschlagen oder übertrieben wurde.
Unveröffentlichte Dokumente und kaum oder gar nicht gehörte Zeitzeugen für ein solches Buch gibt es immer noch genug.
Statt Polit-Action-Thrill aus dem Exilwestberliner DDR-Punkmilieu, das unerschrocken die Berliner Mauer der Unmenschlichkeit und Beleidigung anklagt und dafür mit Maschinenpistolen an-, abgegriffen und in einem Fall auf dramatische Weise gekidnappt wird, während sich im selben Moment ein Beteiligter todesmutig den Gewehren entgegenstellt und in die Freiheit rast, käme dann ein vergleichsweise unspektakulärer Film heraus. 
Doch wäre das auch zugleich seine Chance, könnte er seine interesseweckende Qualität doch gerade durch die
Bereitschaft zum Aufspüren von Feinheiten erreichen, welche durch Action, Punk-Kult und notorischem Mauerhass nur verstellt werden. 
Mit handgreiflicher Überwältigung, gezückten Gewehren, Kidnapping, zerfallenden Kunstgruppen, nachträglich angeklebten Irokesenfrisuren und konspirierenden Schoßdamen würde der Film jedenfalls gerademal  irgendwo zwischen Polit-Action und Trivial-Phantasy ein zuhause finden. 
 

                                                                                                                Piksieben  (Dezember 2011)

 

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