"Der beständige menschliche Irrtum" 
 
 

"Die Freundschaft" hat Georges Bataille seine Tagebücher genannt, ein recht üppiges Werk aus Tagesnotizen, philosophischen Kurzessays und Aphorismen. Der Verlag "Matthes und Seitz" hat diese Schriften  Mitte letzten Jahres publiziert und mit einem langen Nachwort von Gerd Bergfleth ergänzt.
Wie häufig bei Bataille finden sich darunter sowohl glänzende philosophische 
und literarische Überlegungen als auch leer anmutende oder schwer verständliche Konstrukte,..... ...obendrein bleibt der Leser auch diesmal nicht von Batailles  romantizistischen Lustverständnis verschont:die dunkle Begierde des Fleischs in der zuckenden Wunde der Lust etc

Aber diese romantischen Lustbarkeiten lesen sich vergleichsweise zu den auch beim zweiten Lesen recht unverständlichen theoretischen Schachteln noch gut, denn bei letzteren lassen  selbst kurze Aphorismen  den Leser mitunter etwas verdutzt zurück:"Das, was da ist,was indessen unsinnig bleibt, ist unmöglich. Das was da ist:die Hinfälligkeit selber ! Wohingegen Gott das Fundament ist: das, was auf keinen Fall nicht hätte sein können."(S.107)

Auch das fast sechzig Seiten lange interpretierende Nachwort von Gerd Bergfleth kann solcherlei "Batailles" im nachhinein nicht mehr verständlicher machen, befasst es sich doch zumeist  mit der groben Verdeutlichung einiger
Grundbegriffe des französischen Denkers: diese sind aber bereits -trotz manch unverständlicher Gedankengänge -beim Lesen des Buches deutlich geworden: die Chance, das Spiel, das Unmögliche, die Ekstase und das Unvollendbare sind nur einige dieser Termini, durch die Bataille sein Denken entfaltet (oder auch resümiert) und mit ihnen den Leser zu "fesseln" versteht.

Schon seine Erläuterungen über das Unvollendbare ziehen einen in den Bann.
Dieses ist nach B. die Erkenntnis, daß das  (wissenschaftliche) Streben nach endgültigen Wahrheiten im Grunde falsch ist. Die erste Erkenntnis wäre nämlich diejenige, statt nach einem End-Gültigen zu trachten,sich zu vergegenwärtigen, das jede Wahrheit im Grunde nur ein weiterentwickelter Irrtum 
innerhalb eines Annäherungsversuches ist, der bereits von seinem Nachfolger seiner Verfehlung überführt wird.
Diese Grunderkenntnis ändere die Art und Weise des Herangehens: diese würde sich, statt "eindimensional"  auf die ein-deutige Wahrheit des Objekts zuzugehen in mehrere Richtungen ausbreiten und  beanspruche keine -auch nur vorübergehende- ultimative Gültigkeit mehr. Ein historischer Abschnitt würde sich also von vornherein  in seiner Falschheit ( Fehlbarkeit) und dem Relativen seiner Finalität statt in seiner vermutlich endgültigen Wahrheit erkennen."Der beständige menschliche Irrtum würde den unvollendbaren Charakter des Realen und folglich der Wahrheit offenbaren. Eine ihrem Gegenstand angemessene Erkenntnis würde sich, wenn dieser Gegenstand zuinnerst unvollendbar ist, nach allen Richtungen hin entwickeln."(S. 60)

Neben den philosophischen Kapiteln finden sich - wie erwähnt - auch solche mit kurzen Gedankengängen, die manchmal philosophisch, manchmal literarisch, manchmal auch ausgesprochen persönlich sind.
Nachdem man sich derart in die begrifflich vermittelte Welt des Dichters hineinversetzt hat, erinnert uns Bataille gegen Ende noch einmal  an den eigentlichen Charakter von Worten in ihrem Verhältnis zum realen Ereignis:
"Das Peinlichste, wenn wir die Wahrheit der Liebe errreichen wollen, betrifft überdies weniger jene Fesselungen in der realen Welt als ihr Versinken in den Worten.Die Liebenden sprechen, und ihre erschütterten Worte setzen das Gefühl, das sie bewegt, gleichzeitig herab und blähen es auf.Denn sie überführen es in die Dauer, dessen Wahrheit sich nur für die Zeit eines Blitzschlags halten läßt.(...)
Aber nicht nur die Liebenden sprechen: die Literatur ersetzt die Wahrheit der Liebe durch eine fiktive Welt, in der die von der wirklichen Ordnung befreite Liebe sich an die schwerfälligen Schritte der Worte kettet.Wir haben die Schwäche, gewählte Einstellungen und Regeln an die Stelle der Welt der Gefühle zu setzen.So das wir oftmals zweifeln, ob die Literatur der Wahrheit der Gefühle entspricht oder die Gefühle der Literatur entsprechen."(S.252)

Dem ist nichts  hinzuzufügen, aber das die Literatur trotz ihres abstrakten, realitätsschwachen, musealisierenden  Charakters mitunter die schönste Sache der Welt sein kann, bleibt wohl dennoch weiterhin unbestritten, zumal
es uns Bataille in "die Freundschaft"  an zahlreichen Stellen  wiedereinmal hinreichend beweist.                                         Wolfram Hasch

Georges Bataille "Die Freundschaft" M&Seitz 2002 
 
 
 
 
 
 

 

back to lucid
back to Texts